Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 111
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Krippe als Gegenstand der Verehrung auf
den Altar stellte, sondern sie mit Figuren
umgab: zunächst so, daß man nur das
Kindlein in die Krippe legte, später Maria
und Joseph hinzufngte.

Zugleich ist diese Grundlage eine dog-
matische, insofern die Aufgabe gestellt
ist, nicht nur ein menschliches Kind dar-
znstellen, sondern die Geburt des Gottes-
sohnes. Der Liebreiz des Kindlichen und
die Majestät des Göttlichen müssen sich
an der Krippe vermählen. — Es ist nicht
unwichtig, gleich hier zu bemerken, daß
auch in der früheren Zeit schon vor der
Krippe in der Kirche gespielt, gesungen
und getanzt wurde, was dann eben nach
einer ganz bestimmten Richtung ihre Weiter-
bildung beeinflußte.

Die Zeitexe gese bezw. die litur-
gischen Lesungen fügten in dem
Ochsen und Esel einen neuen typolo-
gisch-eregetischen Zug hinzu, der übrigens
in den allgemeinen bildlichen Weihnachts-
darstellnngen z. B. auf altchristlichen Sar-
kophagen schon sehr frühe vorkommt.
Diese Beigabe ist zweifellos zurückznführen
teils ans die Absicht, die Oertlichkeit als
Stall zu kennzeichnen, teils auf die typische
Erklärung der Jsaiastelle: „Es kennet das
Rind seinen Besitzer und der Esel die Krippe
seines Herrn (l, 3) sowie der Stelle bei
Habaknk: „In medio duorumanimalium
cognösceris" eine Beziehung, die schon
in der ältesten christlichen Tradition zu
Tage tritt und auch bei Pseudomathäus
erscheint.') — Es ist dadurch, wie Detzel
richtig hervorhebt, zugleich zum Ausdruck
gebracht, das Seufzen und Sehnen der
Gesomtnatnr nach Erlösung, die auch ihr
in Jesus Christus zu teil ward (vgl.
ström. 8, 23 ff.). Diese typologisch-litnr-
gischen Beziehungen der Krippendarstellung
zeigen sich auch in dem Anstreten gewisser
Propheten und Sybillen an der Krippe.

Bald wurden die dargestellten Szenen
vermehrt und zu einer ganzen Dar-
stellungsserie erweitert. Aber das Ein-
dringen der Volkskunst und genrehaften
Beigaben, der — den Ostermärlein ana-
logen — Anspielungen und lokalen Be-
ziehungen ließ den religiösen Ernst vor

*) Vgl. darüber .6. D
182 f.

c j> e l, Ikonographie I,

und an der Krippe immer weniger her-
vortreten tind überwucherte schließlich jene
historisch-dogmatische und litnrgisch-typolo-
gische Richtung bis zur Unkenntlichkeit.
Das Kindleinwiegen mit Wiegenliedern
begann (XIV und X V Jahrhundert), das
Wirklichkeitsbedürfnis des XVI/XVIII
Jahrhunderts schuf zur Weihnachtsszene
landschaftliche und städtische Umgebungen
prunkte mit Bekleidnngskünsten und ver-
lor sich dabei immer weiter ins kleinste
und kleinlichste Detail; Hiltenszenen, Tier-
darstellungen aller Art wurden hereinge-
nommen und arteten unter denl Einfluß
der auch in der Literatur bekannten Schäfer-
poesie zu nichtssagenden Schäferidyllen süß-
lichster und weichlichster Art aus, das Tun
und Treiben des profanen täglichen Lebens
tritt (immer unter dem Einfluß der
W e i h n a ch t s d r a m a 1 i k) in den Kreis der
Darstellung, geleitet von dem naiven Be-
streben, die hl. Vorgänge in die eigene
Zeit und ins eigene Land. zu versetzen
sowie die hl. Figuren entsprechend prunk-
voll aufzudonnern. Die Weihnachtsszene
erscheint begleitet von ganzen Volksfesten,
die ebenfalls ans der Krippe ihren Platz
fanden. Hager berichtet sogar ein Bei-
spiel, wie während des Hochamts an der
Krippe ein Seiltänzer (Marionette) über
das Seil geführt würde! — So kommen
jene Krippen aus, die voll von Anachro-
nismen, Scherzen und Witzen ihr Ana-
logon nur noch an den verzopften und
gräßlichen religiösen Schwänken haben,
von denen uns die Literatur noch manche
aufbewahrt hat.

Non dieser letzten unter dem Einfluß
der Weihnachtschanspiele entarteten Enl-
wicklnngsstnfe müssen ivir uns völlig und
bewußt wieder losringen. Sie hat nur
noch ein geschichtliches und kulturhistori-
sches Interesse. Die Bedingungen, ans
denen sie erwuchs, sind ein für allemal
vorüber. Auf welches Ziel wir in der
Krippendarstellulig losgehen sollen, möge
in einer weiteren Ausführung gezeigt wer-
den, der mir zwei neue von Leins (Horb)
ausgeführte Krippen soivie die Krippe von
Beuron zu Grunde legen. Sie ,verden
die Hauptrichtnngen erkennen lassen, in
ivelchen die fernere Enlivicklung der Krippen-
darstellung erfolgen kan».
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