Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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Nokokomaler hätte er seine dramatische
Begabung glücklicher zum Ausdruck bringe»
können, freilich wäre dann auch seine
schwache Seile, die mangelhafte anato-
mische Zeichnung, noch stärker hervor-
getreten.

L. Lauten- und Geigeumacher in
Füssen.

Das Städtchen Füssen erfreut sich des
Ruhmes, in alten Zeiten ein Hauptort
des Lauten- und Geigenbaues gewesen zu
sein. Wahrscheinlich schon ini 15. Jahr-
hundert, in ununterbrochener Folge aber
im 16. Jahrhundert, beginnt die stattliche
Reihe von Füsscner Meistern, die diese
Kunst in der Heimat üblen oder damit
auswärts, in Augsburg, Ingolstadt, Nürn-
berg, Würzbnrg und München, in Wien
und Prag und im Schwarzwald, in
Italien und Frankreich zu Ehren kamen.
Das mit immensem Fleiß gearbeitete
Werk: „Die Geigen- und Lantenmacher
vom Mittelalter bis zur Gegenwart von
Will. Leo Frhr. v. Lütgendorff,
11104", hat eine überraschend große Zahl
von Füssener Meistern namhaft gemacht,
und eS bleibt nur zu bedauern, daß es
dem hochverdienten Veifasser nicht er-
möglicht wi»de, seine Forschungen und
Bermntnngen durch Heranziehung der
Füssener Kirchenbücher zu fördern und zu
festigen.

Die reichlichen und wertvollen Mit-
teilungen des Werkes über die Füssener
Meister auch nur im Auszug mitzuteilen,
muß ich mir versagen. Wohl aber mögen
einige ganz bescheidene Ergänzungen hier
beigebrachl werden.

Auffallend gering ist die Zahl der in Füssen
ansässige» Meister, die v. Lütgcndorff für das
Halbjahrhundcrt 1850—1700 ausfindig machen
konnte. Die Lücke läßt sich aber sehr glücklich
aussülle» durch drei Verzeichnisse der Füssener
Bürgerschaft aus den Jahren 1650, 1666 und
1690. Diese Verzeichnisse wurden aufgenomiiien
anläßlich der Erbhuldigung, welche die Bürger-
schaft jeiveils deni neu antretenden Landesherrn,
dem Fürstbischof von Augsburg, zu leisten hatte,
und geben außer dem Namen auch den Stand
der nach den vier Vierteln der Stadt ausgeführten
Bürger und Insassen au. Sie sind den Erb-
. huldigungsakte» des Hochstifts Augsburg einver-
leibt und werden im K. Kreisarchiv Neuburg a.d.D.
jaufbewahrt (Akten des Hochstifts Augsburg H. 605,
615, 628). Danach lebten als Bürger zu Füssen
die Lautenmacher:

1650 Hans Fichtold im ersten und vor-
nehmste» Viertel;

Christoph Fichtold int zweiten Viertel;

Joseph Küsel im dritten Viertel;

Jörg Hering er lind

Jörg Feldtle in der Vorstadt; ferner
die Witwe des Lautemnachers Jeremias
Rein im ersten Viertel.

1666 Hans Fichtold der Alte und

Hans Fichtold der Sohn, sodann

Jörg Heringers, Lautenmachers- und
Wagmeisters Witwe, im ersten Viertel;

Christoph Fichtold, Lautenmacher und
Kornhändler, lind

Mathias Aich er, derzeit Schtilmeister,
sonsten ein Lautenmacher, im zweiten
Viertel;

Lnkas Sache r in der Vorstadt.

1690 Hans Fichtel im ersten Viertel;

Hans Aicher in der Vorstadt.

Diese schlichten Auszüge lassen einen
bedeutenden Niedergang des Kunstzweigs
während der 40 Jahre von 1650 — 90
erkennen; er wird in dem Aufblühen der
Mittenwalder Schule seinen Hauptgrund
gehabt haben, die ihrerseits auch aus
Füssen tüchtige Kräfte bezog, doch vor-
nehmlicb, wie es scheint, erst in der
zweiten Hälste des 18. Jahrhunderts, zu
einer Zeit, wo auch in Füssen ein neuer
Aufschwung eingetreten war.

Daß die berühmten Lautenmacher Tie-
fe n b r n ck e r in Lyon, Venedig und Padna
von Füssen abstammten, hat v. Lälgen-
dorsf mit guten Gründen wahrscheinlich
gemacht. Der Name kommt zwar in den
erwähnten Verzeichnissen der Füssener
Bürgerschaft nicht vor, doch sei daraus
hingemiesen, daß es ganz in der Nähe
Füssens einen Weiler Tiesenbrnck gibt.

Ohne Bedenken ist auch der tüchtige
Geigenmacher Giorgio B a ir h o ff in
Neapel (zweite Hälste des 18. Jahr-
hunderts) der Füsscner Schule zuznteilen;
der seltene Name war in Füssen heimisch.
Ans demselben Grunde bars man die
Heimat des Paul Alletsee zu München
(erste Hälfte des 18. Jahrhunderts), „eines
ber besten Lauten- und Geigenmacher
Bayerns", unddesJoh. St rob l zu Hallein
in Füssen juchen. Ob nicht zwischen den
Mittenwaldern 3i i e i) e r und den R n g g e r
(Rüger) in Cremona ein Familienzusam-
menhang besteht (vgl. auch die Nachricht
über Georg Rieger bei v. Lütgendorff
S. 534) und beide Familien von Füssen
ihren Ansgang genommen haben, wo der
Name Rieger im 17. Jahrhundert mehr-
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