Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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und die Worte enthüll: natus ex Maria
virgine et homo factus est. Der
Sargdeckel füllt auf die Seile der Jrr-
lehrer, die entsetzt davon fliehen, während
auf der anderen Seite der Kaiser und
die Bischöfe mit froh bewegten Mienen
stehen. Diese ganze Szene ist abgeschlossen
mit einem sehr hübschen Gillermerk, außer-
halb dessen sich ans der Seite der Jrr-
lehrer ein Hund befindet. Eine Unter-
schrift unter diesem Bilde sagt: renoviert
1869 I. Boppert, Maler in Brüggen.

I» den Stichkappen auf beiden Lnngseiteu des
Saales sind je fünf Gemälde in sehr guter Aus-
führung. Es sind dargestellt die lateinischen und
griechischen Kirchenväter und zwei andere Heilige.
Die lateinischen Väter sind auf der Westseite, die
griechischen auf der Ostseite in ganz passen-
der Anordnung angebracht. Auf der Westseite
beginnt den Iteihen St. Gregvrins mit der Feder
und einer Schriftrolle mit den Worten: Regina
coeli laetare alleluia. Das Sinnbild des
hl. Geistes, die Taube, schwebt über ihm. (Sin
Engel hält über Bücher gebeugt das Papstkreuz.

Darauf folgt St. Ambrosius vor einem Tische-
auf dein ein Buch liegt, schreibend, zu seinen
Füßen Bücher, Bischofsstab und Bienenkorb. Das
Bild ist ganz in bläulichem Ton gehalten.

St. Augustinus mit der Schreibfeder, die Linke
zum Himmel erhebend wie in Erleuchtung flehend,
vor sich Bücher und Hirtenstnb. Daneben das
Meer, an dessen Ufer ein Knabe in ein Grübchen
mit einem Lössel Wasser schöpft — Beziehung
auf die bekannte Legende über St. Auguflins
Forschungen de trinitate. Deshalb schwebt über
ihm auch das Auge der Dreifaltigkeit.

Auf einem Felsblock in der Wüste, der zugleich
die Höhle für den Löwen bildet, kniet St. Hie-
ronymus in roteni Geivand, vor sich ein Buch
mit hebräischen Lettern, den Totenkopf, ein Kreuz,
in der einen Hand die Feder, in der andern de»
Stein, mit dem er sich büßend die Brust zerschlägt.
An einer Wurzel, die aus einem Felsen sich her-
vorstreckte hängt der Knrdinnlshut. Vom Hiinmcl
tönt die tu6a iudicii.

Auf der Ostseite kommt zuerst St. Athanasius
mit der Feder, ein Engel hält ihm das Buch.
Das Bild hat noch verschiedene Embleme z. B.
einen Stab, um den sich Schlangen winden, eine
Zisterne mit Strick, eine Tafel mit Totenkopf (?),
die ich leider nicht recht erkennen konnte. Das
Bild ist zu sehr nachgedunkelt.

An ihn schließt sich Basilius, der kniend
schreibt, da ihm Maria mit dem Jesuskinde er-
scheint.

Es folgt nun St. Gregor von Nazianz vor
einem mit Buch und Kreuz belegten Tische, die
Feder in der Rechten, Hirtenstab lind Mitra zur
Seite. Ein Engel zeigt ihm ein Bild, das ein
Schiff am Mecresgestade und einen in den Wellen
Schwimmenden zeigt. Zuletzt kommt Johannes
Chrysostomus. Dieses Bild ist von Dr. A. Fäh,
Stiftsbibliothelnr zu St. Galleu in seiner Schrift:
Die Baugeschichte der Stiftsbibliothek zu St. Gal-

len, Zürich, Kreutzniann, 1900, S. 19 gänzlich
mißverstanden worden, iveshnlb er hier über
Wnnnenmacher das Urteil fällt: „Die Verteilung
der Figuren, ivelche nicht einmal die lateinischen
und griechischen Kirchenväter trennt, ist eine äußerst
willkürliche." Wir können das nicht finden.
Wie wir bisher gezeigt, hat Wannenmacher die
Lateiner auf die Westseite, die Griechen mtf die
Ostseile plaziert. Man könnte das kauui ent-
sprechender machen. Während die übrigen Kir-
chenväterbilder nur eine Hauptfigur haben, iveicht
Wannenmacher bei diesem letzten Bild van dieseili
Prinzip ab. Auf diesem Bild sind zwei große
Figuren, eine davon ist sicher St. Paulus. Das
hat Fäh verführt, die andere für St. Petrus zu
halten. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr
ist der Zug aus der Legende des HI. Chrysostomus
dargestcllt, der im Römischen Brevier am 97. Jan-
uar in der lect. VI mit den Worten aue-ge-
drückt ist: (omnes) dignum (Joannein Chry-
sostomum) existimant, cui Paulus Apostolus,
quem ille miritice coluit, scribenti multa
clictasse videatur. Auf Petrus würde die orien-
talische Mitra auf dein Stuhle (am Bilde) ja
auch keine Beziehung haben.

Au die Kirchenväter schließen sich auf jeder Seite
je als fünftes Bild zwei Darstellungen von Be-
nediktiner-Heiligen an: auf der Westseite ein
Heiliger in schwarzem Habit mit Abtsmitra und
Abstsstnb zur Seite, dem Maria auf der von der
Schlange umringelten Weltkugel thronend er-
scheint; auf der Ostseite ein Heiliger, schwarz und
bläulich gewendet, mit dem Zirkel in der Hand.
Auf einem Tisch steht ein Globus und liegt cine
mil Zahlen und Quadraten bedeckte Schrift. Ein
Bild der Muttergottcs lehnt an einem Kasten;
unten liegt eine Malerpalette und ein Meißel
mit einer Skulptur (Kopf). Weidmann, Geschichte
der Bibliothek von St. Gallen, St. Gallen 1849,
erklärt sie als die Heiligen Anselm und Beda
(Fäh, 1. e.).

Endlich sind in den Grisnillen der Zwickel die
verschiedenen Disziplinen klösterlicher Wissenschaft
in Einzelgruppen dargestellt: Das Studium der
hl. Regel, Jugendunterricht, Theologie, kirchliche
Liederdichtung, Naturwissenschaft, Beredsamkeit,
Geschichte und Sprachstudium.

Für diese bedeutende Arbeiten Wannenmachers
haben wir im Tagebuch des Fürstabts Cölestin II.
auch die Aufzeichnungen über das Honorar. Fäh 1. c.
18, 17 gibt die nachstehenden Auszüge: 19. Juli
1782 „habe die Mahlerey der Aibliothec deni
Mahler Wannenmacher verdingen lassen." 1789/83
„Hr. Mahler Wannenmacher, disem seyend dises
Jahr in drei Posten bezahlt 1500 fl." 1784
„Herr Wannenmacher ist für die Bibliothec völlig
bezahlt mit 1900 sl, für seinen Lehrjung Honorar,
pngnge und aocioentien 5- fl 58 kr." So kam
das ganze Werk das Stift auf 9705 sl. 58 kr.
zu stehen.

Was die 26 Leinwandgemälde betrifft,
die in Nahmen die ganze Decke und die
Wände der St. GallnSkapelle im „Kloster"
bedecken und das Leben und Wirken des
Heiligen schildern, so sind sie in ihrem
jetzigen, stark übermalten Zustande als
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