Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 118
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11. St. Simon, ausgezeichneter Kopf/ mit der
Säge, auf ein zusaminenstürzendes Götzenbild
hinzeigend.

12. St. Bartholomäus mit lebhaftem Blick,
Buch und Messer in der Hand.

13. St. Philippus wie in Verzuckung das
Haupt erhoben, die Hände gefaltet, mit dein
Wanderstab.

14. St. Jakobus Minor mit Mitra. Oben
eine Sonne mit dem Tetragrammaton.

13. St. Thomas legt die Finger in ein ver-
ivundotes Herz, über deni der Name I Ick 8 ge-
schrieben ist, in der Hand die Lanze.

16. St. Jakobns Major mit Muschelhnt und
Wanderstab, eine sehr gute Figur.

17. St. Petrus, sehr ausdrucksvoll, in der
Hand die Schlüssel, hinter ihm das dreifache
Kreuz, auf dessen obersten Querbalken der Hahn
sitzt, Angelrute und Netz, im Hintergrund fei»
gezeichnet die Kuppel einer Kirche.

18. Jesus Christus, 8ulvutor mumli, die
Rechte segnend, die Linke den Erdball tragend,
freundlich lächelndes Antlitz.

Es sind lauter Halbstücke, die am unteren
Bildrand in einer Kartusche jedesmal den
Namen des Dargestellten tragen.

Besoilders aber ist die Kirche zu be-
neiden um das 19. Gemälde, das ich als
echten Wannenmacher entdeckte, indem ich
auch dessen etwas verborgene Unterschrift
fand. Es ist die Darstellung des
Abendmahls, auf Leinwand gemalt,
in hübsch gebrochener Nahmenzier, ans der
Predella des Altars angebracht, den herr-
liche Skulpturen ans der Ulmer Schule
schmücken.

Ein aufgezogener Vorhang, dessenQuasten
herabhangen, enthüllt einen Saal, der von
vier auf Wandleuchtern befindlichen Kerzen
erhellt ist. Drei Diener sind beschäftigt,
den am Tische Sitzenden aufznwarten.
Der Tisch ist noch durch drei Kerzen be-
leuchtet. Die Tischgesellschaft ist in vier
Gruppen gelöst. Auf der Hinteren Lang-
seite des Tisches sitzt Jesus mit der er-
hobenen Hostie in der Hand, überirdisch
leuchtend. An seiner Seite Johannes und
Petrus. Je drei Apostel neigen sich an
den beiden Querseiten des Tisches zusam-
men in lebhaftem Gebärdenspiel. Vier
Apostel sitzen an der Jesus gegenüber-
befindlichen Langseile, drei davon wieder
gegeneinandergeneigt, so daß man ihre
Gesichter sieht, obivohl sie dem Beschauer
den Rücken kehren. Judas ist etwas von
ihnen abgewandt, sein Haupt ist ungläubig
und forschend über die Tafel hin zurück-
geworfen. Von hinten springt ein Hund

(Bild der Unreinheit) an ihm hinauf. Am'
Tischtuch, in der Nähe, wo Judas sitzt,
liest man in ganz kleiner Schrift: Jo-

sephus Wannenmacher, invenit et
pinxit 1767. Dieses Bild ist eines der
schönsten und feinsten, fast möchte man
sagen zierlichsten, die Wannenmacher ge-
malt. Alles ist voll Leben, die Gesichter
von edlem rührenden und lebhaften Aus-
druck, meisterhaft individualisiert, ganz dem
' großen Stoffe angemessen. Unter den Hand-
! zeichnungen in Stuttgart findet sich auch
! ein Abendmahl vom Jahre 1773, das
aber von dem in Scharenstetlen befind-
lichen ganz verschieden ist.

In diesem Abschnitt haben wir zum
erstenmal Wannenmacher kennen gelernt
als eifrigen Maler auf Leinwand, mäh-
rend die bisherigen Werke lauter Fresko-
malereien waren. Leinwandgemälde sollen
sich noch mehrere in Privalbesitz in Wien
befinden, und auch in Württemberg soll
sich noch das eine und andere finden.
Doch ist es mir nicht gelungen, Näheres
darüber zu erfahren. Vielleicht dienen
diese Zeilen dazu, auf Wannenmacher auf-
merksam zu machen und Notizen über
diese zerstreuten Kinder seiner Muse zu
gewinnen. (Fortsetzung folgt.)

Mitteilungen.

Wir glaube», »usereu Leser» jetzt schon Mit-
teilung mache» 511 sollen von dein eben begon-
nenen Erscheinen eines Monumentaliverkes über
Michelangelo Buonarotti aus der Fever des Ber-
liner Kunsthistorikers Karl Frey. Das Werk
wird insofern als eine weiterführende Ergänzung
und Verbesserung von H. G r i in in , K a r l I u st i
und besonders Henry Thode zu bezeichnen sein,
als hier zuin erstenmal das ungeheure persönliche
Quellenmaterial aus Michelangelos eigener Feder
in feiner Vollständigkeit herangezogen wird. Das
war bisher nicht möglich, iveil das im Buvna-
rotti-Archiv zu Florenz noch verbliebene Material
mit ängstlicher Eifersucht gehütet und Fremden
so gut ivie unzugänglich war. Der Verfasser des
neu erscheinenden Werkes erhielt die Erlaubnis
der Benützung und indem er dazu die Dokuincnte
italienischer und außeritalienischer Archive ver-
wertete, ist er »ach mehr als 2öjähriger Arbeit
in der Lage, ein wohldurchdachtes neues Leben
Michelangelos vorzulegen, zu denc seine bisherigen
Publikationen über dieLebensbeschreibungenMichel-
angelos, seine Poesien, und das seit 1906/07 von
Frey herausgegebene Corpus der Handzeichnungeu
Michelangelos wertvolle vorbereitende Arbeiten
waren. Wir iverdeu in einem eingehenden Refe-
rat ans das bedeutungsvolle Werk, das auf drei
Bände berechnet ist (I. Band im Subslriptions-
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