Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 123
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zwischen den Stichkappen aussnllend, ziehen
sich in acht prächtigen Kartuschen a ch t
Medaillons, die drei göttlichen Tu-
genden, die vier Kardinaltugenden und die
eivige Seligkeit darstellend. Es sind Gri-
sarllen, flott und leicht hingeworfen, von
lebhaftem Eindruck für den Beschauer.

Zuvorderst, im Osten, der Glaube, iu wallen-
de», Gewände, eine mit der Tiara gekrönte Fraucn-
figur, die de» Krlch mit der Hostie hält, über
ihren, Haupte schwebt die Taube; nördlich die
Hoffnung, auf den, Wolkenthron sitzend, mit dem
Anker in der Rechten; südlich die Liebe mit ge-
krönten, Haupte (maior autem earitas), mit
einem vom Pfeil durchbohrten brennenden Herzen
in der Rechten, die Linke auf die Brust gelegt.
Nördlich schließen sich au die „Hoffnung" an die
„Klugheit", iu der Linken den Spiegel und die
Schlange, mit der Rechten nach oben weisend;
ferner die „Mäßigung", in der eine» Hand die
iiberlnufeude Schale, iu der anderen einen Zügel
haltend; südlich folgt auf die „Liebe" die „Ge-
rechtigkeit" mit halbverbundene» Augen, Szepter
und Wage in den Händen, und die „Tapferkeit"
mit de», Hel», und Federbusch und Brustharnisch
gewappnete Frauenfigur, mit der Lanze in der
Rechte» und de», Lorbeerzweig in der Linken.
Westlich sehen wir noch eine Fraueufigur, vec-
klärteu Antlitzes mit einen, Füllhorn iu der
"Rechten, ein Bild, das wir als das „ewige Glück"
deuten, zu den, die Ausübung der göttlichen und
Kardinaltugenden hinanführen. -

Die ganze Westwand nimmt ein ein
großartiges Fresko vom jüngsten
Gericht. Der Richter in den Wolken,
mit Maria unb Johannes, mit Engeln
nnd Heiligen, weckt die Toten, die aus
ihren Gräbern steigen, rnft Die Guten zur
Seligkeit und wirft die Bösen in den
Höllenrachen. Ans einem Grabstein leseit
wir wieder des Künstlers Namen mit der
Jahreszahl 1776. Dieses Bild ist viel-
leicht im Anfang des 19. Jahrhunderts
überweißt ivorden, man sagt, wegen der
schrecklichen Höllensignr. Später hat man
dasselbe wieder etwas abgekratzt, aber nicht
mit kundiger Hand, so daß dasselbe jetzt
sehr verdorben erscheint. Doch da die
Konturen der Zeichnung nnd mehrere Ge-
sichter noch gut erkennbar sind, so hoffen
wir, daß dieses Gemälde durch die Geduld
nnd Sorgfalt unseres Restaurators, des
Herrn Gallus Roth, in seiner originellen
künstlerischen Wirkung wieder erstehen wird.

Noch erübrigt uns hier zu besprechen
das Hochaltargem älde derS.Leon-
hardskapelle, das zwar nicht von
Wanneumacher unterzeichnet, aber ganz1

j sicher von ihm auf Leinwand gemalt ist.
Es stellt dar den Patron des Kirchleins,
S. Leonhard, eine stehende große Figur
mit Abtsstab, die bittend anfschant zur
Madonna mit dem Jesuskind, die in den
Wolken thront. Rechts von ihm steht ein
Gefängnis nnd außerhalb desselben sind
zwei Männer in die Folter gespannt, die
ans seine Hilfe harren, unten das geöffnete
Fegfeuer mit flehenden „Seelen". Links
vom Heiligen in der Landschaft findet sich
wieder eine Anzahl Tiere wie im Decken-
fresko. Oben um das Madonnenbild
herum gruppieren sich links von diesem
die Figuren der heiligen Margareta mit
dem gefesselten Drachen, Barbara mit den,
Turm und Kelch, Apollonia mit dem Zahn
in der Zange, Dorothea mit dein Nosen-
körbchen; rechts von der Madonna führt
ein Engel eine jugendliche Gestalt denk
Himmel entgegen. Das Bild war sehr
verdorben, verspricht aber durch die pietät-
volle Restauration ein neuer Schmuck
unseres Heiligtums zu werden.

Run mag es zum Schluß noch ganz interessant
sein, zu erfahren, was Wannenmacher für diese
bedeutende Arbeit erhalten hat. Das Rechnuugs-
buch der S. Leouhnrdspslege vom Jahre 1770,
das ich nach langem Suche» gefunden habe, ver-
zeichnet folgende Posten:

„Dein Maler Wanneumacher vermag Akkord
bezahlt 750 fl.

„ihm imb Sohn vor Kostgeld bezahlt 100 fl.
36 kr.

„wegen seiner Bagage hin und her, Zehrung
auch Sohn Douceur — 39 fl.

„für Gold und Farben >00 fl. 25 kr."

Also hätte Wanneumacher für die ganze Arbeit
mit seinem Sohne 990 fl. 1 Ir. erhalten, eine
Summe, mit der heutzulage nicht einmal die
Restauraliou bezahlt werden kann.

10.

In den knappen Aufzählungen der Werke
Wannenmachers von Klans nnd Pfeiffer,
die ich eingangs erwähnt habe, ist auch als
Wirknngsort unseres Malers Ein siedeln
genannt. Diese Ortsangabe bezieht sich
jedoch keineswegs ans Fresken oder giößere
Arbeiten, sondern nur ans ein kleines
Oelgemälde, darstellend: Madonna mit
d e iu Jesuskinde, ein Halbstück, das
sich in schlechter Beleuchtung in einer Zelle
des Klosters befindet nnd in den Bilder-
katalogen des Klosters als von Wannen-
macher gemalt bezeugt ist. Wie dasselbe
nach Einsiedeln gekommen ist, ist unbekannt.
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