Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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In denselben Auszählungen ist auch die
Rede von einem Gemälde Wannenmachers
in der Klosterkirche O b e r e l ch i n g e n.
Nagler (Künstlerlexikon) und andere reden
hier davon, Wannenmacher habe das von
Thelolt gestochene Wallfahrtsbild dieses
ehemaligen Klosters gemalt. Bei einem
Besuch dieser Kirche habe ich lange ge-
sucht, um etwa unter den Kupferplättchen
von Wallfahrtsbildern, die dort noch vor-
handen sind, einen Stich Thelotts zu
finden. Die Nachforschungen waren aber
vergebens. Auch der liebenswürdige Pfarr-
herr der Kirche hatte keine Kenntnis da-
von. Jedoch besitzt diese Kirche, die von
Januarius Zick gemalt ist, in der Sakristei
ein Fresko von Wannenmacher, das
besonders in der Farbenwirkung aus-
gezeichnet ist.

I» den Hintergrund, welchen die Architektur
einer Kirche in weißlich-grauer Färbung bildet,
ist hineinkomponiert ein Rokokoaltnr in rotein
und weißem Marmor, der sich über roten Mar-
inorstufen erhobt und von ebenso rot marmorier-
ter Kommunionbank mit Eisengitternmhüllungen
umschlossen ist. Von der Evangelienseite her
schreitet ein Priester im Meßgewande zum Altar,
begleitet von einem das Meßbuch tragenden
Ministranten. Mitten auf dem Altar steht ein
Kelch, über welchem ein von der Epistelseite her-
schwebender Engel die Patene hält, über welcher
eine von Strahlen umgebene Hostie sich erhebt.
Neben der Epistelseite sitzt in rotem Obergewand der
Apostel Paulus, der ans eine Schriftrolle folgen-
den Text schreibt: Qui manducaverit pänem
hunc vel biberit calieem Domini indigne
reus erit corporis et . . . Zu Füße» ' des
Apostels sitzt ein Engelchen mit einem Schwert.
Der Gedanke ist klar: S. Paulus gibt mit den
Worten I. Kor. 11, 27 dem zelebrierenden Priester
die Mahnnna, würdig zum hl. Opfer hinzutretcn
— in der Tat ein passendes Betrachtungsbild
für eine Sakristei! Das Bild ist unterzeichnet
mit dein Namen Wannenmachcrs: ,f. W. invenit
et pinxit 1774. Wannenmacher hat also zehn
Jahre vor Zick hier gemalt und hätte vielleicht,
wenn der Tod ihn nicht so bald ereilt hatte, auch
für diese Kirche den Auftrag erhalten.

In den ersten Tagen des Jahres 1907
habe ich Kuilde erhallen von einem neu
entdeckten Gemälde Wannenmachers; durch
die Vermittlung des Knnstinalers G. Roth,
ilild durch die Freundlichkeit des Meisters
Gebhard Fngel in München bin ich selbst
in den Besitz deS Bildes gekommen. Es
ist ein Leinwandgemälde, 1 m 39 cm
lang und 82 cm breit, und stellt dar den
hl. Leonhard, der Maria für die Ge-
fangenen um Hilfe anruft. In anmutiger

Landschaft steht der Heilige mit dem Abts-
stab und mit schön und scharf modelliertem
Gesicht, das er zu der auf den Wolken
erscheinenden lieblichen Madonna mit dem
Jesuskinde erhebt. Zn seiner Rechteir er-
hebt sich ein antikes Gebäude mit Turin,
das als Gefängnis verwendet wird. Ans
demselben treten einige Personen, die sich
bem Heiligen znwenden, um ihm für ihre
Besreiilng zu danken. Eine Anzahl von
Tieren: Pferde, Lamm, Rind sind un-
weit des Heiligen gruppiert, zu desseil
Linken sich auct; der auf Wauneumachers
Bildern selten fehlende Baumstrunk erhebt.
Auf der Rückseite ist das Bild gezeichnet
mit Josephus Wannenmacher, Tomer-
dinganus invenit et pinxit 1762. Dieses
Bild ist ganz hervorragend schöner als
das in der Gmünder S. Leonhardskapelle,
daS zwar bedeutend größer, aber auch viel
zu figureureich ist. Die Gesichter auf
meinem Bilde sind sehr edel und sein ge-
zeichnet. Die Madonna ist von wunder-
barer Lieblichkeit. Der landschaftliche Hinter-
grund ist lebhaft und frisch, die Tier-
gestalten sind nicht so massig wie auf den
hiesigen Bildern. Das Bilo scheint aus
einer bayerischen Kirche oder Kapelle zil
stammen; doch konnte ich bis jetzt den
Ort nicht ausfindig machen. Vielleicht
führt das Bild llns noch an einen bis-
her unbekannten Wirkungskreis Wannen-
machers.

Mit diesen drei letzten, anhangsweise
gegebenen Beschreibungen habe ich die
Aufzählung und Schilderung der Arbeiten
Joseph Wanneumachers, soweit sie mir
bekannt geworden sind, zu Ende geführt.
Ich habe mich bei der Beschreibung der
einzelnen Werke mit Absicht länger auf-
gehalten, weil ich weiß, welchen Schäbi-
gungen und Fährlichkeiteu besonders die
Freskeil ausgesetzt sind, bereu Photo-
graphier»« g leider gewöhnlich versäumt
worden ist. Sv ist z. B. in Gmünd die
Wiederherstellung eines Fresko nur dadurch
möglich geworden, daß auf meine Ver-
anlassung hin, dasselbe ein Jahr vor dem
teilweisenHerabfallen photographiert wurde.
Wo das nicht geschehen ist, oder fast nicht
geschehen kann, vermag nur drrrch eine
genaue Beschreibung das Bild in etwa
festgehalten zu werden.
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