Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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Heue Rrippendarstellnngen in der
Kirche.

Bon Prof. Dr. L. 33 a uv, Tübingen.

II (Schluß).

Detzel stellt in einer Ikonographie für die
Darstellung der Geburt Jesu die unzweifelhaft
richtige Forderung auf: „Ihre bildliche Dar-
stellung soll von den christlichen Künstlern immer,
namentlich wenn es sich um Bilder für ein Gottes-
haus zur Erbauung des christlichen Volkes handelt,
als ein erhabenes Geheimnis behandelt werden,
fern von allem überschwenglichen slörenden Bei-
werke. Nicht Zeit, Ort und Umstände sollten hier
für den Künstler i» erster Linie maßgebend sein,
sondern er hat die Ankunft des SohneS Gottes
auf Erden in der Gestalt eines Kindes im Bilde
vorzuführen: „Virgo quem genuit adoravit“
sollte . . . das Motiv sein, das zu Grunde gelegt
wird. Mag die Oertlichkeit dann durch einen
armen Stall oder durch eine rauhe Felsenhöhle
ausgedrückt sein: durch den vom Himmel herab-
gesüegenen Gott wird sie zu einem erhabenen
Tempel, in welchen, Engel dienen und die heilige
Jungfrau, der hl. Joseph und die fronnuen Hirten
zu Anbetern ivcrden. Das göttliche Kind wäre
in der Mitte der Komposition anzubringen; bis-
weile» ruht es auch auf blumigen, Rasen oder
liegt sein Kopf ans einer Weizengarbe, was hier
immer das Brot des Lebens bedeutet. Es hält
oft seinen Finger an die Lippen, was sagen will:
„Ich bin das Brot des Lebens" (Joh. <3, 8) und
schaut gen Himmel, wo die Engel das Gloria
in excelsis Deo singen." 1)

Alle Verirrungen der Krippenkunst leite» sich
davon her, daß man sich von Liturgie und Dog-
inatik zu iveit entfernte und in die skurrile Art
der Weihuachtsspiele verfiel. Will sie gesund
bleiben, so muß sie wieder aus den beiden ersteren
ihre Lebensnahrnug ziehen und die wilden Schöß-
linge, die aus den letzteren entsprungen sind,
zurückschnciden. Die Grnndstimmung, die über
der Krippendarstellung schwebe» und von ihr aus-
gehen muß, ist das Wort: „Evangelizo vobis
gaudium magnum quod erit omni populo,
quia natus est vobis hodie S a 1 v a t o r, qui
est Christus, Dominus.“ Kind und zu-
gleich Erlöser, Gottessohn! — Daher lehnen wir
alles Beiiverk ab, das diese Grundidee stören würde
oder zu ihr i» keiner Beziehung steht. Wir können
gewisse genrehafte Züge zugestehen, soweit sie ent-
weder geeignet sind, den historischen Vorgang an-
schaulicher zu machen vder die religiöse Idee und
ihre sittlichen Folgerungen herauszuheben: Liebe
zuin Jesuskind, Bereitwilligkeit mit offenem Herzen
und kindlichem, freudigem Sinn zu ihm zu eilen, gerne
ihm Opfer zubringen und es demütig anznbeten.

Es lassen sich nun zwei Klassen von Weih-
nachtsdarstellungen unterscheiden: Die erste re,
strengere und mmi könnte sagen typisierende, be-
schränkt sich auf die einfache Wiedergabe der Ge-
bnrtsszene, ohne Verkündigung an die Hirten,
ohne Anbetung der Hirten und Dreikönigsszene:
Ihr _gehört d i e B e u r o n e r W e i h n n ch t s -
daritellung an. (Wir können leider nur das

') H. Detzel, Ikonographie I, 184 f.

Gemälde, nicht die Krippe selbst bringen. Aber
worauf es ankommt, läßt sich auch so zeigen.) An
sich könnte diese (mit großen Figuren ausgestattetl
auf jede landschaftliche Umgebung verzichten: Es
würde genügen, wenn sie durch eine Wandnische von
entsprechender Größe zu einer geschlossenen Ranm-
einheit zusammengefaßt wäre. Gleichwohl deutet
sie dieselbe wenigstens durch die Felsenhöhle an.
Liebliche Blume» entsprossen der Erde und frisches
Geranke wächst an dem Felsen empor: „ln die
eins montes stillabunt dulcedinem“ (Arnos).
In die Augen springt der absichtliche Verzicht
auf alles Nebensächliche, auf geschichtlichen Realis-
mus und zerstreuendes Detail, die Beschränkung
auf die eine große Hauptsache. Diese selbst ist
wesentlich unter dogmatischen und liturgischen Ge-
sichtspunkten iviedergegeben. Ihr liegt daran,
der Theologie der Krippe prägnanten
Ausdruck zu leihen. Das Jesuskind ist
der Mittelpunkt des Ganzen, an ihm haftet der
Blick des Beschauers wie der hl. Personen, die
anbetend um seine Krippe kniceu. Wir verstehen
diese Haltung, denn das Kind ist iviedergegeben
nicht als kleines, hilfloses, erbarmungswürdiges
Wesen, sondern als der ewige weisheitsvolle
Logos, der Fleisch geworden ist und voll der
Gnade und Wahrheit ist, als „infans et vit“ in
praesepio, wie eine alte Weihnachtsbeschreibung
sagt.') Nur so ist auch die anbetende Haltung
von Maria und Joseph genügend inotiviert; ivo
die Weihnachtsszene zu einer genrehaften, häus-
lichen Szene wird, da wird die anbetende Hal-
tung gegenstandslos, rein äußerlich, traditionell.

Auch Maria ist nicht dargestellt als Mutter,
voll von weltlich-kleinlichen Sorgen, sondern nach
ihrer dogmatischen Stellung, als die reinste Jung-
frau, als Sitz der Weisheit, die in das geheimnis-
volle Wesen dieses gottiucnschlichen Kindes tiefer
schauen darf als je eines Theologen Weisheit
gedrungen ist.

Am weitesten in die Irre gegangen ist das
Mittelalter in der Darstellung des hl. Joseph.
Unter dem Einfluß der Weihnachtsspiele erscheint
er als alter, mürrischer Mann mit der Laterne
in der Hand, der auch einem guten Turnte nicht
abhold tft.Die neueren Darstellungen haben

') Usener II, 67.

'-’) Der Grund dieser bizarren Auffassung liegt
in dem Bestrebe», ja recht stark die Eigenschaft
Josephs als bloßen Nährvaters zu betonen, was
man am besten dadurch zu erreichen hoffte, daß
man die große Sorge aus seinem Verhalten er-
kennen ließ. — Ins Triviale geht diese Auf-
fassung in, XV/XVI Jahrhundert, wo Joseph
dargestellt wird als Mann, der gerne einen guten
Trunk tut. So läßt ihn ein deutsches Weihnachts-
spiel des XV Jahrhunderts zu Maria sagen:
„Nu woll usf und folge mir
Wsr wolln gehn zu dein guten bier!"
und in Edelpöks „Comödie von der freudenreichen
gepurt Jesu Christi" erklärt er Maria:

„Weil wir soll» geen und habn kain wag»,
Will ich den plunder allen trag»:

Schüfst, teller, pfann, leffl und windl
Die Laternkerz»; machs in ain pündl j
Nimb brot und käs und füll das Flaschl."
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