Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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sich vo» dieser umvürdigen Auffassung völlig los-
gemacht und kennzeichnen Joseph wenigstens als
würdige», alten Mann, der seiner von Gott iln»
übertragenen hohen Aufgabe bewußt ist. — Hier
erscheint er — der kirchlich liturgischen Charak-
terisierung gemäß — als der jungfräuliche Ge-
mahl .der jungfräulichen Mutter, von dein der
kirchliche Hymnus singt:

„Irr Redernptorern stabulo jacentem
Quem chorus vatum cecinit futurum
A s p i c i s gaudens hum i 1 isque natum
N uin en adora s.“

Diese liturgijch-dogmalische Aufsassung zeigt
sich endlich auch in der Art, wie die Engel an-
gebracht sind. Ihre Jubelbotschast an die Hirten
ist zur Frohbotschnft an die Welt geworden, der
geschichtliche Einzelvorgang ist zur» Inbegriff der
Heilsverküudigung hinaufgehobcu: Aller Welt
künden sie es nue die Kirche tut: »Gloria in
excelsis Deo et in terra pax hominibus.«

Endlich ist es eine Anbequemung an Tradi-
tion und ty-
pologische
Exegese,
iveun O ch s
und Esel,
nufgcuom-
men sind.

Dicvoullsc-
ner veröf-
fenllichten
Wcihuachts-
gebräuche
Alssos geben
hiefür einen
bisher ganz
uubeachte-
ten symboli-
schen Hin-
weis?)

9. Von et-
ivas anderer
Art sind die
beiden.Strip«
peu,dieMei-
ster Leins in
Horb ge-
schaffen hat. Auch^.sie sind beide würdig und
edel, die Figuren sind mit großer Sorgfalt und
Meisterschaft geschnitzt. Einzelne derselben (vgl.

Maria macht Erinnerungen gegen das Flaschl.
Aber Joseph beharrt darauf:

„Bhüet Gott! Laß das Flaschl nit dahindn
llud sollt ich gleich noch so schwer trag»."

Wie diese »»würdige Auffassung in die Josephs-
dnrstclluug eivdrang, hoffen wir ein andcrrrinl
zeigen zu können. — Vgl. zum Ganzen Karl
Meyer, „Geistliches Schauspiel und kirchliche
Kunst" in Vierteljahrsschrist f. Kultur u. Literat,
d. Neuaiss. I (1886) S. 179 f.

H ». . . deus pater celestis posuit ante bo-
vem et asinum in praesepio largum et ple-
num pabulum totius mundi, quo omnia
nutriuntur, seil, suum dilectissimcum filium
in humanitate. quod Abacuc prdpheta in
medio duum animalium consideravit ctc.<
Usenet a. a. O. 11, ck7.

die Mutter mit dem Kinde auf der Tübinger
Krippe) sind vo» klassischer Schönheit. Sehen
wir hier ab von dein Unterschied, der das
plastische Schaffen der Beuroner überhaupt hin-
sichtlich der rein künstlerischen Prinzipien von
anderen trennt, so füllt besonders der Unterschied
in der Auffassung und Wiedergabe der heiligen
Szenen ins Auge: dort ist sie streng liturgisch-
dogmatisch gedacht. — Hier ist sie mehr historisch
und umraukt von einzelnen freieren, genrehaften
^Brunneuszene, Tiere) und lyrisch-religiösen Zügen
j l.Hirte, der sei» Lämmleiu opfert, Mutter, die
ihr Kind zur Krippe führt). Zugleich sind die
Szenen zahlreicher geworden (Verkündigung an
die Hirten, Anbetung der Hirten, Dreikönigsbild).
Obwohl die erste wenigstens für die Kirche kouse-
quenler ist, so ist doch diese letztere Auffassung
durchaus zulässig. Wir möchten aber doch zu be-
denken geben, ob nicht hinsichtlich der (stahl der Schafe
eine noch größere Sparsamkeit am Platz wäre.

Ein Punkt, dem wir noch ein Wort widmen

müsse», be-
trifft auf
diesenbeiden
Krippen die
landschaft-
liche Szene-
rie, die bei
dieser Art
nicht fehlen
könnte.
Beide Krip-
pen wollen
die Stadt
Bethlehem
wiedergc-
ben. Es ist
zu raten,
auch hierin
Maß zu hal-
ten, und
zwar aus ei-
nem Grund,
der sich aus
einemFehler
der Tübin-
ger Krippe

leicht darlegen laßt. Auf den ersten Blick im-
pouiert diese letztere durch den kühnen Aufbau
und die prächtige Silhouette. Aber der gewaltige
Häuser- und Burgenapparnt erdrückt die beschei-
dene Mittelszene und drängt sich zu sehr auf.
Der steile Aufbau nötigte dazu, alle Figuren
auf den engen Mittelrauin zusainmenzudräugen.
! Dadurch wird die Szene überfüllt, die Haupt-
: szeue wird zum Teil verdeckt; die heiligen drei
Personen sollten frei dnstehen, die übrigen Figuren
nur in gewisser Entfernung von ihnen. Ei»
zweiter Punkt, der wenigstens beim Referenten
oie Freude an der sonst hübschen Krippe min-
dert, sind die lokalen Aunchronisiuen: Schloß Lich-
tenstein, die Wuruilinger Kapelle, der Tübinger
Kaiser Wilhelmsturm, das Schloßtor: was sollen
sie auf einer Krippe? Welcher ethische oder
meinetwegen poetische Gedanke soll durch sie zum
Ausdruck kommen? Wir haben hier einen kleinen
Rückfall in die Krippendarstellungen der Spätzeit,
der, wenn er auch nicht zu ihren schlimmsten

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