Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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Anstand, die hl. Magdalena als Schutzheilige zu l
wählen, um auch in den freien Sommermonaten 1
an das Bnßleben zu erinnern, wie die Kloster-
chronik uns meldet.

Auch die Einsiedler durften an Magdalenen-
Kirchen nicht fehle». Dies finden wir in Drci-
tirchen, an einem heutigen Bade, hoch ini Gebirge,
gegenüber der Bahnstation Waidbrnck. Schattig
und waldig, im Winter längere Zeit ohne Sonne,
ist die Gegend reich nu herrlichen Wasserquelle».
Eine der drei hart nebeneinander gebauten alten
Kirchen ist eben der hl. Büßerin geweiht. „Ja-
kob Müller, gebürtig aus Schwaben", war einer
der Einsiedler dieser einsamen Gegend, gestorben
1077; sein Grab zeigt man noch in der Magda-
lenakirche daselbst.

Zwischen Busch und Wald und weiterhin von
ungeheuren Felsenmassen umgeben, thront auf
einer mäßige» Anhöhe zwischen isolierten Höfen
und Häuser» zu hinterst im Vilnößertale die alte
Nlagdalenakirche, gerne besucht uou Bewohnern
der gleichnamigen Geineinabteilung.

Eine verwandte stille Lage hat die ganz ein-
sani dastehende und einen Hügel krönende Mng-
dalenakirche im Nidnauntale, das nicht fern von
Sterzing nusmündet, zu beiden Seiten von hohen
Bergen cingeschlossen, welche von der schiunncrn-
dcu Kristallspitze des Hochferner am Talende be-
herrscht werden. Der gotische Ban ist gefällig,
hat ausnahmsweise sein altes Gepräge und selbst
die ganze alte Ausstattung an Altären und Kan-
zel bewahrt.

Wie in Vilnöß ist auch im Gsiesertale die
letzte Kirche, zu hinterst im Tale unserer Heiligen
geweiht; ihre Lage ist gewissermaßen heiter und
nlpensrisch, aber von jedem regen Verkehre weit
entfernt.

Frostige Winde, die in Vierschach bei Sillian
fast zn jeder Jahreszeit wehen, verkümmern die
Vegetation und lassen kaum noch Hafer und
Gerste zur Reife kommen; welcher Patron der
Kirche eignete sich in dieser rauhen, unfruchtbaren
Gegend besser als die hl. Magdalena, deren
erstes Heiligtum bereits am 4. Dezember 1212
eingeweiht wurde und der Glockcnturm daran
noch erinnert.

So rech! eigentlich zur unbedingten Ansivahl
der nämlichen Patronin zivang das Halllnl über
Absam bei Hall, da man im 15. Jahrhundert
eine Kirche erbaute. Schaurig ist die nächste
Unigebung zwischen den eng einander gegenüber-
stehenden steilen Felsenpartie» und ladet unwill-
kürlich zu ernster Betrachtung ein.. Hans Frank-
furter aus Hall baute sich hier eine Wohnung
und Kapelle; bald schloßen sich ihm andere
W a I d b r ü d e r an. Um die verlassenen
Zellen später wieder zu bevölkern, wählte man
Waldschwestern nach der Regel des hl. Au-
gustin. Zur Gründung des neuen Stilllebens
berief man zwei Schwestern aus dem Kloster
„Kürenberg in Schivaben". Die alte Magdalcna-
kirche hat zwar durch Unfälle und Reslallrationen
von ihrer alten Gestalt ziemlich viel eingebüßt,
aber man findet noch in ihr das alte Sakrament-
Häuschen, einen alten gotischen Kelch, einen Flü-
gelaltar, ein altes Meßkleid und Glasmalereien.

Literatur.

Dic Ausgrabu»g der Menasheilig-
t üin er in der Mareolis iv ü ste vo n
Karl Maria Kaufmann. Mil 54
Abbild. Kairo (Finck ». Bayländcr) 1906.
Jin Mai 1905 unternahm der Archäologe
K. Al. Kaufmann znsammeli mit I. C. Ewald
Falls eine dreißigtägige Expedition nach dem
ägyptischen Orient, um das hochberühmte Ratio-
ualheiligtum der altchristlichen Aegyptier, dns
Grab des alexandrinischen Märtyrers Menas, das
Ziel von Tausenden altchristlicher Wallfahrer, und
die mit demselben verbundene Meuasstadt (heute
Karin Abum) zn suchen. In der Tat gelang ihm
die Entdeckung der verschollenen im Sande und
Schutt begrabenen Kulturstätte. Reiche Unter-
stützungen von verschiedenen Seilen, besonders
von seiner Vaterstadt Frankfurt, ermöglichten
die unter Leitung von Kaufmann vollzogenen Aus-
grabungen, über deren Ergebnis der Entdecker in
obengenannter Schrift berichtet?) Die Bedeutung
des Fundes — das kann jetzt schon gesagt wcr-
den — ist eine überaus große. Das an Denk-
mäler» so reiche Aegypten hat den aufgedeckten
Ruinen nichts Aehnliches aus christlicher Zeit zur
Seite zu stellen. Der genaue Kenner des christ-
lichen Orients, Di-. Bau m stark, bezeichnet
(Römische Quartalschrist 21 (1906), 7) diese Ent-
deckungen als das Bedeutsamste seit de Rossis
Ausgrabungen in den römischen Katakomben, lind
in der Tat scheint es, als ob in der archäologi-
schen Forschung vom Orient her neue Aufgaben
erstehen und neue Ziele winken werden. — Die
bisherigen Ausgrabungen förderten die Haupt-
basiliken, den Arkadiusbau und die Menasgruft
zu Tage. Ferner wurde das große Baptisterium
freigelcgt, die Cömeterialanlagen der Alenasstadt
einer genaueren Untersuchung unterzogen. Mögen
die Arbeiten glücklich weiterschreitcn und nament-
lich auch die Auffindung des berühmten Menas-
bildes zum Ergebnis haben, das bisher in den
vandalisch zerstörten Basiliken vergeblich gesucht
wurde. In welche wissenschaftlichen Beziehungen
die neuen Funde zur Gesamlentwicklung der alt-
christlichen Archäologie und insbesondere zn dcr
beknnnten These Strzygowskis zu setzen sind,
wird sich erst sagen lassen, wenn die Gesamt-
ergebnisse vorliegen und publiziert sei» werde».
Baumstark (a. a. O. S. 9 und 16) zieht aller-
dings das Fazit jetzt schon dahin, daß ein Ver-
gleich der neugefnndencn Menasbasilika ,von Ar-
kadius) mit der Paulsbasilika (tuori) (le mura) in
R o in den entwicklungsgeschichtlichen Prinzipat des
Orients in der frühchristlichen Baukunst geradezu in
die Augen springe» lasse (Verbindung von Kuppel
und Langhausbau u. zweigeschossigerLanghausban).
Tübingen. Prof. Dr. L. B a » r.

') Ein zweiter Bericht ist in der Römischen
Quartalschrift 20 (1906), 189 ff. erstattet.

Hiezu eine Kunstbeilage:

B e u r o n e r W e i h n n ch t s s z e n e
und: Titel und Inhaltsverzeichnis.

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Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Nolksblatt*.
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