Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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einer geschlossenen und im christlichen |
GotteSbegriff ivurzelnden Weltanschauung
getragen zu sein: die Kunst war ihm nach
Dantes schönen: Wort „die Enkelin

Gottes", und so konnten Stiländernngen
und Kunstwandlungen, die auf den: ge-
meinsame!: Boden dieser Weltanschauung
erfolgten, nicht in den Verdacht kommen,
aus einem anderen als den: christlichen
Geiste geboren zu sein, oder die Reinheit
der Glaubenslehre, die Verbindlichkeit des
christlichen Sittengesetzes grundsätzlich an-
tasten zu wollen. Wir sind nicht mehr
in dieser glücklichen Lage: infolge der
Glaubensspaltung, infolge deS überall sich
vordrängenden Pantheismus, der sich in
die feinsten Adern des modernen Lebens
wie schleichendes Gift verzweigt, infolge
des bedauerlichsten sittlichen Libertinismus
ist unsere heutige Welt zerrissen. Sie steht
in scharfer Opposition zum katholischen
Christentum, seiner Lehre, seinem Lebens-
ideal.

Ist nun die Kunst Ausfluß von tiefer
liegenden, letztlich in der Weltanschaunng
wurzelnden Tendenzen, — und sie ist es
zweifellos in der Malerei, Plastik und
Dichtkunst material und formal, — so
werden wir uns nicht ohne weiteres der
diktatorischen Macht des Schlagworts
„modeln" beugen und ambabus manibus
ergreifen, was mau uns als „le dernier
cri“ und modernsten Stil in der Kunst an-
preist. Wir müssen zuerst prüfen, wes
Geistes Kind das ist, was uns die neue
Knnstentmicklnug gebracht. Wir werden
die Prüfung ohne jede Voreingenommen-
heit anstellen und was mir als gut und
brauchbar erkennen, soll uns willkommen
sein.

Eines ist jedoch gleich zunr voraus zu
beachten: Der Begriff „moderne Kunst"
ist ein so vager, enlhätt so viele dis-
parate Elemente in sich, daß wir auch
nach dieser Seite hin jeweils klare Unter-
scheidungen hinsichtlich der einzelnen Knnsl-
zmeige anbringen müssen.

Strzygowski schildert dieses Dnrch-
einanderwogen der verschiedensten Ten-
denzen der modernen Kunst folgender-
maßen : „Unsere Durchschnittsmaler Haschen
nach Illusionen, die von der Natur selbst
in unerreichbarer Fülle geboten werden.
Die Architekten stehen einander in zivei

Lagern gegenüber; die einen denken in
Material und Technik, die anderen deko-
rativ in der Fläche, Statt getragen von
einem großzügigen Drange, nach dem
Höchsten zu streben und alle Künste in
ihren Bann zu schlagen, beugen sich viele
von ihnen den Nutzkünstlern, die selbst
wieder so viel des Gesuchten anbielen,
daß die Empfindung für das Gesunde sich
kann: durchsetzen kann. Unserer Kunst
fehlt der rechte Boden, der große, das
Jndividnnn: mitreißende Zug, ein einheit-
lich ans aller Menschheit nach Ausdruck
ringender Inhalt." !)

Das Thema „Kirche und moderne
Kunst" ist in den letzten Jahren da und
dort, ans Versanunlungen, in Fachzeit-
schriften und Vereinen Gegenstand der
Beratung und Besprechung gewesen. —
Hier traf alles, was sich modern nannte,
ohne viel Kopfzerbrechen von einen: zähen,
um nicht zu sagen faulen Beharrnngs-
standpunkt uns auf unbedingte Ablehnung ;
dort wurde es ebenso ohne erhebliche
Kritik in unreifem Vorwärlsdrängen über
altes gelobt und gepriesen. Eine mehr
kritisch abwägende Stellnngnahnre gab sich
wiederholt in „Einleitenden Erörterungen
der Jahresmappe der Gesellschaft für
christliche Kunst" kund. — Aber fast
durchweg scheint mir e i u Punkt dabei
nicht genügend in die Erörterung herein-
genommen: die Frage nämlich, welche
diejenigen Forderungen abgrenzt, die wir
vom kirchlich-theologischen Standpunkt aus
unbedingt am den Künstler und die
moderne Kunst stellen müssen: Was ist
denn k i r ch l i ch e K n n st? Die prinzipiel-
le» theologischen Grundlagen müssen zu
allernächst genau bestimmt sein, auf denen
überhaupt erst die Diskussion beginnen
kann. — Ich höre wohl die Schlagworte:
„Fortschritt, Freiheit für die Künstler, die
Zeit der Nachahnrungen ist vorbei." Aber
bei sehr vielen vermißt man die klare
Einsicht, daß es sich hier zum Teil um
Dinge handelt, die in die tiefsten Fragen
der philosophischen Aesthelik, ja selbst ber
Theologie, und Weltanschauung zurück-
führen.

Die Erziehung und Orientierung des

i) I. Strzygowski, Die bildende Kunst der
Gegenwart. Leipzig, 1907, S. VI f.
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