Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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Eine rein seusualistisch gerichtete Auf-
fassung des Schönen und der Kunst wird
schließlich znr bloßen Kunstphysiologie
herabsinken, jedenfalls den Inhalt des
Dargestellten ganz und gar außer acht
lassen. Sie wird zu Absurditäten weiter
fuhren, wie wir sie bei Whistler z. V. fin-
den, der seine Bilder betitelte: „Symphonie
in Blau nnd Rosa, Variation in Gran und
Grau", der das Porträt seiner Mutter
bezeichnete als „Arrangement in Grau
und Schwarz"?) Wir müssen eine solche
seusualistisch - physiologische Aesthetik als
gänzlich verfehlt bezeichnen. — Aber wir
können zunächst einmal hier von diesen
ästhetischen Grundfragen absehen, denn
die Frage, die uns augenblicklich beschäf-
tigt, ist nicht die: worin die formalen
Elemente allen künstlerischen Schaffens
beruhen, sondern vielmehr: welche we-
sentlichen Forderungen ganz
speziell an das religiös-kirch-
liche Kn u stsch a f f e u zu stellen
seien. Immerhin aber mag in diesem
Zusammenhang darauf hingewiesen sein,
daß auch von anderen für künstlerisches
Schaffen ganz allgemein — der eben ge-
nannten ästhetischen Richtung entgegen —
der Inhalt durchaus als wesentlich be-
trachlet wird. So schreibt Strzygowski
(a. a. O. S. 211): „Meine Ueberzengnng
also ist, baß nicht irgend eine Art von
Illusion, sondern der Inhalt, sei es mittel-
bar als Auffassung, sei es direkt als Aus-
druck in einer dekorativen oder Raum-
form zur Erscheinung gebracht, das Wesen
der Kunst ansmache. ... Zu allen Zeiten
war der Inhalt das Entscheidende in der
Kuusteutwicklung."

In der Tat leidet dieser ästhetische
Illusionismus an demselben Grundfehler,
der aller phänomenalistischen Philosophie
überhaupt anhaftet: an der Verwechs-
lung von Wesen und Mittel, Bedingung
und Inhalt.

Die kirchliche Kunst ist religiöse Kunst.
Letztere ist ihrem Begriffe nach weiter;
die elftere fällt unter diese. Aber einer
religiösen Kunst ist es eigen und muß eS
eigen sein, Juhaltskunst zu sein.
Freilich können wir von religiöser Kunst
gar nicht reden, ohne uns nicht nur über

') S. Slrzygowöki, a. a. O 2. 220.

Kunst, sondern auch über Religion einen
klaren Begriff gemacht zu haben. Je nach-
dem dieser Begriff ein richtiger oder un-
richtiger ist, wird es auch der Begriff der
religiösen Kunst sein. Aber hier scheiden
sich die Wege: ans der einen Seite ein
von Kant und Schleiermacher ausgehender
Religionsbegriff, der ausschließlich die sub-
jektive Seite der Religion, die Religiosität
betont, und zwar wesentlich in der Rich-
tung des Gefühlsmäßigen, des religiösen
Erlebnisses, deS Erfaßtseins, der Empfin-
dung. — Die intellektuelle Seite der
Religion, das „Wissen" im Glauben, das
Dogma und damit das objektive inhalt-
liche Moment, wird ganz oder nahezu
ganz außer acht gelassen: der Glaube ist
wesentlich Vertrauensglaube. Dieser psycho-
logisch und theologisch unhaltbare Reli-
gionsbegriff kann von uns niemals an-
genommen und dem religiösen Kunst-
schaffen zu Grunde gelegt werden — so
lauge wir unseren katholischen Stand-
punkt nicht geradezu aufgeben wollen. Wir
haben ganz und gar keinen Grund dazu:
Das kirchlich-religiöse Kunstobjekt ist
also nicht in erster Linie der psychologische
Vorgang des religiösen Erlebnisses oder
der religiösen Stimmung, sondern der
Glaubensinhalt, der zunächst in der Idee,
im religiösen Gedanken, in dem ideellen
Gehalt der objektiven Heilstatsachen ge-
geben ist. (Fortsetzung folgt.)

Christliche Kunst in Bild und Buch,
Bchule und chaus.

Von Pfarrverw. Fischer, Degmarn.

Vor genau 20 Jahren erhob Stephan
Beissel 3. J. bewegliche Klage über das
Elend in unserer religiösen Kleinkunst.
„Statt der ernsten, theologisch durchdachten
und darum inhaltsreichen Bilder des
Mittelalters drängt sich uns nur zu oft
eine sentimentale, nicht genng zu bedauernde
Symbolik und Blnmensprache auf." (St.
a. Mar.-Laach, 33 (1887) 456.) Der
einschlägige Aufsatz war mit haarsträuben-
den Beispielen belegt und klang in die
trübe Prophezeiung ans, daß es wohl
noch schlimmer kommen werde. „Das
Herabdrücken der Preise wird möglicher-
weise in Zukunft noch weiter getrieben
j werden. Dadurch würden dann die Ver-
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