Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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leger sich genötigt sehen, die HerstellungS-
kvsten zu ermäßigen, wodurch die Ans-
sührnng leiden und die schlechte Ware
überhandnehnien müßte." (S. 471.)

Was aus dieser Weissagung geworden
ist, zeigt uns der Aufsatz „Das religiöse
Bild für Kind und Haus" non Bischof
von Keppler („Ans Kunst und Leben" i,
1 ff.). Sollte auch dieser energische
Appell aus Gewisse» und au deu gesunden
Sinn der Geistlichkeit seine Wirkung ver-
fehlt haben? Wie zur Antwort auf diese
Frage fliegt mir eben ein „Illustrierter
Katalog über Gebetbnchheiligenbilder aus
dein Verlag von Serz & Co., Nürnberg"
zu. Tie erdrückende Majorität der Proben
ist hier genau nach dem von Beissel
gebrandmarkten Rezept fabriziert. Andere
Nummern sind wenigstens in dieser Weise
gemodelt und verschandelt: Raphael
pinxit, Serz & Co. correxit. Die
Angebote derartiger Firmen sind seitdem
zahlreicher als je. Der Geistliche aber,
der entiveder isoliert oder übermäßig mit
Geschäften belastet, diese Fabrikmache nicht
durchschaut, steht einstweilen dem Getriebe
wehrlos gegenüber. Und doch steht hier
für die Kirche ein „Lebensinteresse auf
dem Spiele". (Keppler, a. a. O.)

Dem Nebel kann kein einzelner abhelfen.
Es muß einmal viribus unitis vor-
gegangen und auf die Allgemeinheit ein-
gewirkt werden. Dazu bietet sich allerdings
die Gelegenheit äußerst selten und sie will
gewissenhaft wahrgenommen sein, wenn sie
sich bietet. Das war der Fall, als mit
dem Kalechelischen Kurs in München 1907
eine Lehrmittelausstellung verbunden wurde,
von der eine weiterreichende Wirkung er-
wartet werden durfte. Wir sehen uns
darin nicht gelauscht.

1. Das Hauptereignis der Ausstellung
bildeten die „Biblischen Wandbilder
s ü r S cb ule und H a u s," herausgegeben
von der Gesellschaft für christliche Kunst.')
Es sind farbige Originallithographien
mehrerer Künstler. Sämtliche Nummern
haben das gemein, daß sie von der Praxis
der oben erwähnten Kleinkunst möglichst
weit abrücken. Hier ist keine Spekulation
mehr auf eine ungesunde Frömmelei, die

’) Vgl. jetzt dazu Cristliche Kunst IV (1907)
Heft 3 und unsere Beilage.

biblische Geschichte tritt vor uns hin so
keruhast und wahr, so erhebend und
schlicht, dann und wann wohl auch so
ungeschminkt, wie wir sie in den heiligen
Büchern vorfinden. Ein Blatt scheint
hierin des Guten sogar zuviel zu tun:
David und Goliath von Max
Dasio. Dieser Goliath, der sich herab-
bengcn muß, um seinen winzigen Gegner
mit den Augen zu entdecken, erinnert
merklich an den homerischen Polyphem und
seinen Kampf. Die ethische Sphäre ist
dabei um eine Nnmmer zu tief gewählt.

In „Isaak segnet Jakob" von
Felix Baum hau er hat ebenfalls die
Psychologie das Heilsgeschichtliche allzusehr
überwuchert. Tie Gestalt der susflieren-
den Rebekka zieht die Szene stark ins
Menschliche herab, gibt ihr aber auch
eine dramatische Steigerung. Zwei weitere
Nummern: Dasios Opfer Isaaks
und Hubers Anbetung der hl. drei
Könige kommt es zugute, daß die Samm-
lung auch fürs „Hans" bestimmt ist. Fürs
vornehme Haus dürsten Hubers Werke
sogar einen vorzüglichen Schmuck abgeben.

Das Beste haben wir uns für zuletzt
aufgespart. Nicht allein unter den christ-
lichen, wohl unter allen lebenden Künst-
lern trifft Matthäus Schiestl deu
Volks- und Kinderton am besten. Und
hier zeigt er sich von seiner besten Seite.
Die Art und Weise, wie Abel einfachen
arglosen Herzens vor seinem gottentzündeten
Brandopfer dem neidischen Kain gegenüber-
gestellt wird, ist wirksam für die Kleinsten
und genußreich für die Größten. Dabei
schmeichelt Schiestl dem naiven Geschmack
nicht im mindesten. In seinem Elias
hat er eine Gestalt vor uns hinkomponiert,
in der niemand sein Schönheitsideal er-
blicken dürfte. Bildhauer Busch bemerkte
hiezu auf der Generalversammlung der
G. f. chr. K., unter deu großen Männern
der Heilsgeschichte gebe es nie oder selten
eine „schöne" Gestalt. Hier seien viel-
mehr die Charakterköpfe zu Hanse, Er-
scheinungen wie Schiestls Elias. Mau
sehe es ihnen an, daß sie deu Leuten die
Wahrheit sagen können. — Schon aus
dem Gesagten geht hervor, daß wir es
nicht eigentlich mit einer Bilderserie zu
tun haben. Das einzelne Bild wird wohl
1 sogar außerhalb der Reihe besser wirken.
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