Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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Malt h. S ch io st l, Anbetung der Hirte»

Der gute Wille ist bei allen anzuerkennen.
Der erzielte Effekt dagegen ist verschieden.

2. Der Name Schiestl führt uns von
selber zur Firma Breitkopf und
Härtel. Das „Korrespondenz- und
Offertenblatt für die gefaulte katholische
Geistlichkeit Deutschlands" bemerkte 1900:
„Erste Firmen von Weltruf betonen immer
wieder, daß sie für bessere religiöse Werke
keinerlei Abnehmer in katholischen Kreisen
haben." Wenn sich,
ivie zu vermuten steht,
unter diesen Firineu
auch die genannte be-
finden sollte, so wäre
das sehr bedauerlich.

Hat uns doch ge-
rade diese Firma un-
fern Schiestl geschenkt.

Schiestl will Litho-
graph geworden sein,

„Weil ich so in mehr
Häuser komme". Dem
christlichen Haus gilt
sei» Schaffen ebenjo
wie der christlichen
Kirche. Wer aber die-
sem Schaffen Absatz
undPublikum sicherte,
daS war die Leipziger-
Firma. Gleich die
„Anbetung der Hir-
ten" und „Der Ein-
siedler" (1900) sind

Kabinettstücke volkstümlicher
Kunst. „Der Schutzengel"
war auf der Ausstellung selbst
zu sehen und erntete wohl
von sämtlichen Gegenständen
den reichsten und wärmsten
Beifall. DaS Bild kann in
der Tat als Typus eines
brauchbaren Andachtsbildes
gelten. Wohl hat auch
Schiestl gleich unseren geläu-
figen Bildcrlieferanteu dem
Schutzengel Kindesgestalt ver-
liehen. Allein dieser Schritt
ist zum Unterschied von je-
nen Fabrikanten durchaus
motiviert. Das Kind, das
einen von den Fliegenschwäm-
men , unter denen es sich
niedergelassen hat, im Fäust-
chen hält, scheut sich und zaudert in völlig
kindlicher Weise, das farbenprächtige Ding
zum Munde zu führen. Der Urheber
des warnenden Bewußtseins kann selbst
wieder nur ein Kind sein. Aber er ist
auch ein wirkliches Kind, nicht wie die
Engelein auf unseren farbigen Bildchen
eine Puppe oder — nach der Bezeichnung
eines Diskussionsredners in Speyer —
eine rabiate, exaltierte Ballettdame. Wie

Matth. Schiestl. Der Schutzengel.
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