Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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diejenigen hochgestellten Personen dargestellt,
welchen dieser oder jener Kodex gewidmet ist.
So erscheinen auf den Widmungsbildern beson-
ders der Evangeliarien häufig die Porträts der
dentschen Kaiser n»d Kaiserinnen nnd sonstiger
deutschen Fürsten. Diese Bilder finb fast aus-
nahmslos die einzigen Quellen für die älteste
Ikonographie unserer deutschen Kaiser und gerade
auf diesem Gebiet sind die Forschungen des Ver-
fassers besonders wertvoll, da unsere Kenntnisse
über die persönliche Erscheinung der alten Kaiser
noch sehr lückenhaft sind, zumal sich die Historiker
bisher wenig darum bekümmert haben. Näher
bekannt waren eigentlich nur die Porträts der
Kaiser Otto III. und Heinrich II. in den Münchener
und Bamberger Handschriften. So hat Kenimerich
jetzt allein sieben Bilder Heinrichs II. und sechs
von Otto III. zusammengebracht und teilweise
in seinein Buche erstmals reproduziert.

In der Einleitung bespricht der Verfasser die
Vorstufen der deutschen Malerei, wir können
seinen philosophierenden Ausführungen darin
nicht immer folgen; cs ist doch zu weit gegangen,
wenn man in dieser frühen Zeit schon von einem
Rassentypus spricht. Die gegebenen beiden ältesten
Beispiele aus der Handschrift der Stiftsbibliothek zu
St. Gallen sind so primitiv,das; man an irgend welche
Individualisierung nicht denken kann. Das Selbst-
porträt des Wandalgarius ist gewiß bloß ein
Scherz, eine Karikatur, die mit einem Mönchs-
bild auch nicht die geringste Aehnlichkeit hat.

Auf gesicherteren Boden treten wir erst in der
späteren Karolingerzeit. Hier hat Paul ©lernen
vorbereitet durch seine grundlegende Arbeit über
die Porträtdarstellungen Karls des Großen. Die
beiden voll .Hemmend) mitgeteilten Miniaturen,
welche Karl ben Großen vorstellen, aus der -
herzoglichen Bibliothek zu Gotha sind leider nur
spate Kopien nach den in Fulda zirka 830 ent- .
standenen Originalen. Das Bild des auf dem
Faltstuhl sitzenden Kaisers scheint übrigens erst
dem 12. Jahrhundert anzugehören, es kann unmög-
lich eine Kopie nach einem Bilde des 9. Jahr-
hunderts sein. Sehr lehrreich ist die Zusammen-
stellung sämtlicher Miniaturbilder Karls des
Kahlen, es zeigt sich hier überraschend eine un-
verkennbare Aehnlichkeit der fünf Bilder unter
sich, mit Ausnahme seiner Jugendbilder in
München; typisch ist übrigens das Gesicht des
Herrschers in der Pariser Bibel, denn hier zeigen
lerne Begleiter ganz den gleichen Gesichtsausdruck,
ivne> übrigens auch bei anderen Bildern dieser
um c er späteren Zeit vielfach vorkommt. Man
vergleiche z. B. die Miniatur Heinrichs III. Cim. 57
in München; hier ist der hl. Petrus ganz ähnlich
seinem Schützling dem Kaiser Heinrich, nur daß der-
selbe einen struppigen kurzen Kinn- und Backenbart
trügt, während Petrus einen weißen Vollbart hat.

Ter dritte Abschnitt beschäftigt sich mit der
Ot t o ni s ch - H e l n r i z i > ch e n P l ü t e z e i t der
frühmittelalterlichen Porträtmalerei. Die Perle
dieser handschriftlichen Denkmäler ist ohne Zweifel
das Porträt Otto III. im Registrum Gregori
zu Chantilly Musüe Condcr, dazu zwei andere
desselben Kaisers in München und Bamberg,
-^er Kaiser ist thronend dargcstellt mit Stab s
u»d Reichsapfel und geistlichen und weltlichen
Begleitern; das jugendliche Gesicht i]t bartlos 1

und trägt entschieden porträtartigen Charakter.
Ein Jugendbild des Kaisers in der Bibliothek zu
Jvrea ist ein stümperhaftes Machwerk, hier
interessiert hauptsächlich das Kostüm, kurzer Nock
und Beinkleider. Die bedeutendsten Bilder Hein-
richs II. finden sich in dem Münchener Missale
(Lim. 60), dann verschiedene in Bamberg, auch
hier ist eine Porträtähnlichkeit unverkennbar. Die
Bremer Miniaturen, wo auch die Kaiserin erscheint,
sind stümperhaft.

Der vierte Abschnitt: Verfall der Deck-
m a l e r e i, der neue zeichnerische Stil
bringt hauptsächlich geistliche Würdenträger zur
Anschauung; den Abt Walther von Michelbeuren,
Konrad von Scheyern, Abt Rotpertus von Deutz,
Bischof Kuno von Regensburg u. a. Das ge-
gebene Beispiel einer weltlichen Grafenfamilie des
Grafen Liboto von Falkenstein von 1193 zeigt
übrigens deutlich de» Verfall der Kunst, wie denn
überhaupt die ganze Staufische Zeir hindurch kein
einziges Künstlerporträt sich erhalten hat. Schließ-
lich bespricht der Verfasser in einem fünften
Abschnitt noch das Porträt in der Wand-
malerei und in anderen T echnik en.
Hier kommen in Betracht die Bilder auf der
Reichenau und zu Goldbach bei Ueberlingen, dann
im Dom zu Aquilea, wo Kaiser Konrad II. mit
seiner Gemahlin Gisela verewigt ist; (ferner aus
dem 12. Jahrhundert in der Klosterkirche zu
Prüfening, in Schwarz-Rheindorf bei Bonn, in
der Johanneskapelle zu Prügg (Steiermark).
Dann aus deni 13. Jahrhundert die bekannten
Gemälde im Kloster Gurk u. s. w.

In einem Rückblick stellt der Verfasser die
Resultate seiner Forschungen zusammen, indem
er zu klassifizieren sucht, inwiefern sich die
Pvrträtmerkmale allmählich entwickeln. Zunächst
ist es nur die Barttracht, welche als individuelles
Merkmal «nftritt, dann kommen in der karo-
lingischen Zeit schon bestimmte individuelle Züge
in Betracht. Kemmerich zählt bei den Bildern
Karl des Kahlen bis zu 16 Merkmale auf. I»
der Ottonisch-Heinrizischen Epoche treten noch
weitere Merkmale dazu, doch möchten wir auf
derartige Zahlenangaben, jetzt 18, kein großes
Gewicht legen, es sind das Zufälligkeiten, die
sich in kein System pressen lassen. Auf Haar
und Augen — Farbe, Teint des Gesichtes u. dgl.
haben diese alten Künstler gewiß keine Rücksicht
genommen und es ist zu weitgehend, hier schon
eine bestimmte Absicht des Malers erkennen zu
wollen. Die Augen sind fast immer typisch be-
handelt, zum Teil auch der Mund, Nase und
Ohren. Der Verfall der Kunst tritt schon um die
Mitte des l l. Jahrhunderts auf und sinkt dann
sehr tief bis ins 13. Jahrhundert hinein; der
neue Federzeichnungsstil, der sich tut 12. Jahr-
hundert entwickelte, kam allerdings der Porträt-
lunst wieder zu gute. (Neben Barttracht, Frisur,
Gesichtsform und Nase ivurden auch i» dieser
leichteren Technik Modellierung des Gesichts
beoback)tet, namentlich ist es aber die Gebärden-
sprache, die lebhaft hervortritt.

Mit dem Schlußsatz des Verfassers, daß das
frühe Mittelalter „in den Fällen, in denen es
malerische Porträts schaffen ivollte, eS auch
konnte", können wir uns nicht ganz ein-
verstanden erklären, es sollte besser heißen: „DaS
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