Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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wohl sa ch l i ch (inhaltlich), als auch formal
(künstlerische Auffassung).

Wie tief die sachliche Einwirkung von
jeher war, lehrt uns die Geschichte der
christlichen Kirchenkunst beinahe auf jedem
Blatte: Die Architektur, die Plastik, die
Malerei, das kirchliche Kunsthandwerk ist
nicht bloß durch das Bedürfnis der Litur-
gie bestimmt, sondern von ihrem innersten
Geiste ergriffen.

Wir sprechen eine alltägliche Wahrheit
aus, wenn wir Hinweisen auf die ansehnliche
Reihe von architektonischen Wandlungen,
die direkt von der Liturgie bedingt waren:
Choranlage, Taufkapellen, Chorumgänge
u. a., ganz abgesehen von den kirchlichen Ge-
räten, die ja gerade dadurch aus der Sphäre
des bloß Nützlichen hinausgehoben wurden,
daß an ihnen die liturgische Idee, der
sie zu dienen hatten, in irgend einer Form
künstlerischen Ausdruck fand (z. B. Tauf-
steine, Altäre, Kommunionbänke). — Be-
sonders intensiv und fruchtbar aber zeigt
sich dieser Einfluß in der kirchlichen Male-
rei und Plastik. Nur einige größere Hin-
weise seien gestattet. Nehmen wir nur
einmal die altchristliche Sepulchralkunst.
Hier kehren in ausfallender Regelmäßig-
keit gewisse Bilderkreise häufig wieder: so
Isaaks Opferung, Jonas vom Untergang
gerettet, Susanna von der ungerechten
Anklage gerechtfertigt, die drei Jünglinge
inl Feuerofen wunderbar bewahrt u. a.
— Welch reiche Inspirationen lägen darin
auch für unsere heutige armselige und
gedankenarme Friedhofskunst! — Der
dogmatische Grundgedanke ist ein durch-
aus klarer: Die Rettung der Seele vor
dem ewigen Tode ist der Grundgedanke,
der hier in die Bildersprache der Hl. Schrift
übersetzt ist. — Aber woher ist die Aus-
wahl dieser Bilder bestimmt? Ist sie
rein zufällig? Das ist nicht anzunehmen;
denn es wäre nicht recht verständlich, war-
um fte so regelmäßig wiederkehren. Ein
französischer Forscher, Le Blaut, hat zu-
erst den Schlüssel gefunden: Die Grund-
lage für diese Stoffanswahl ist das litur-
gische Sterbegebet der Kirche, das sich bis
in die ersten Jahrhunderte zurückverfolgen
läßt: Libera animam eins, sicut liber»
asti animam Isaac u. s. w.

Treten mir in den grandiosen Zentral-
bau von S. Vitale in Ravenna, so finden

wir im Altarranm eine wirksame und
gedankentiefe Gruppe von Mosaikdar-
stellnngen. Sie haben zum Gegenstand
das Opfer Abels, das Opfer des Abra-
hams (Isaak) und Melchisedechs. — Wie-
derum ist der dogmatische Gedanke klar :
ES ist das Opfer, das entsühnt und heiligt,
und der sittliche Gedanke der Bereitschaft
deS Herzens zum Opfer vor Gott. —
Aber woher stammt die Auswahl gerade
dieser Szenen der Hl. Schrift? Wieder
ist es die Liturgie, welche sie bestimmt
hat. Es liegt ihr das Gebet des Kanon
zu Grunde: „Supra quae propitio ac
sereno vultu respicere digneris et
accepta habere, sicuti accepta habere
dignatus es munera pueri tui justi
Abel et sacrificium patriarchae nos-
tri Abrahae, et quod tibi obtulit
summus sacerdos tuus Melchise-
d e c h, sanctum sacrificium immacu-
latam hostiam."

Zahlreich sind Beispiele, wo liturgische Ge-
bete oder Hymnen wie das Tedeum oder die
Allerheiligenlitanei zu Griuide gelegt sind?)
Und wenn die altchristliche Kunst in ihnen
mit kostbaren Mosaikapsiden Christus in
der Mandorla und die Figuren oder Sinn-
bilder der Apostel anbrachte, wenn die
spätere Kunst in dem Chorraum oder am
Triumphbogen den Salvator oder Welten-
richter ernst auf uns niederblicken läßt,
an den Säulen oder Pfeilern der Kirche
aber die zwölf Apostel aufstellt, so ließ
sie sich leiten von dem Gedanken an die
Stelle: Vos estis superaeaificati super
fundamentum apostolorum .... ipso
summo angulan lapide Christo-Jesu.
— Diese Grundsätze sind ja gewiß auch
in der neueren Kirchenknnst nicht ganz in
Vergessenheit geraten. Noch allerneuestens
hat Meister Fuget in der Sladtpfarrkirche
51t Ravensburg ein imponierendes Werk
geschaffen, dein er die Hauptgruppen der
Allerheiligenlitanei zu Grunde legte?)

Diese Beispiele ließen sich unschwer
vermehren und ebenso durch die Gebiete

f) Eben ist eilt Werk von Martin Spahn
erschienen über Michel' Angelo und die Sixtinische
Kapelle, in welchem ebenfalls ans diese Zusam-
inenhänge Hingelviesen wird. Schon früher hat
San er in der deutschen .Rundschau denselben
Gedanken ausgesprochen.

2) Wir hoffen, auf dieses Werk noch eigens in
unserenr „Archiv" eingehen zu können.
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