Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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Schiestls Königin aller Heilige». Beckerts
Kardinal Kopp dagegen und Schiestls
Kardinal blieben — als weltliche Gegen-
stände ohne allgemeines Interesse — un-
barmherzig ans Lager. Geringen Zu-
spruch fanden die alten Werke. Die
hl. Cacilia von Fritz Kunz wurde als
bloßes Einzelbrustbild, Tolds Grablegung
wegen der dunklen Kolorierung zurück-
gewiesen. Das Urteil des Kenners wird
sich mit dieser Erfahrung im allgemeinen
decken. Der Verlag wird gut daran tun,
wenn er die mit allzuviel archaistischem
Beiwerk belasteten Blätter durch verständ-
lichere ersetzt. Die „Alten Meister" von
Seemann beweisen, baß es deren auch
aus früheren Jahrhunderten genug und dar-
über gibt.

Anffallenderweife find unsere katholischen
Romantiker in dieser Sammlung nicht
vertreten. Das muß umsomehr auffallen,
als die ganze Art derselben uns heute
noch in innerster Seele znsagt. Vielleicht
trägt der künstlerische Gegensatz zwischen
damals und heute die Schuld: damals
herrschte die Linie, heute dominiert die
Farbe. Ob es aber gut ist, in der
Gegnerschaft so weit zu gehen, daß man
die Männer von gestern so ganz igno-
riert ? Möglicherweise fühlt sich noch
manch anderer gleich mir übersättigt,
wenn er sich an dem wundervollen Farben-
spiel in der St. Josephskirche berauscht
hat und nach Wochen des ästhetischen
Genusses erinnert.

4. Was an romantischer Knust geboten
wurde, kain aus protestantischem Verlag:
Wigand und Dürr in Leipzig, Kunst-
wartverlag in München. Die „3 0 Bilder
aus der b i b li sch e n Ge sch i ch t e" von
Schnorr v. C a r o l s f e l d erinnern uns
daran, von welcher Bedeutung heutzutage
die Mitarbeit der Verleger für die Kunst
werden kann. Schnorr erreichte an Be-
gabung kaum völlig unsere ganz Großen:
Cornelius, Führich und Schwind. Die
240 Bilder zur Bibel stellen aber ein
Gesamtwerk dar, bem die Genannten
kaum etwas zur Seite zu stellen haben.
Und diese Bilder sind von Anfang an
für die Reproduktion berechnet, verlieren
also durch die Vervielfältigung nichts an
Wirkung. Ihrer Verbreitung ist beinahe
keine Grenze gesetzt. Auch als Katholiken

können wir au dem Werke unsere unge-
teilte Freude haben. Der Unterschied
zwischen katholischer und protestantischer
Kunst bestand zu Schnorrs Zeilen nicht.
Sein Christus ist mit derselben gott-
menschlichen Würde umgeben, wie der
Dürersche oder Führichsche. Seine Mutter-
gottes und sein hl. Joseph tragen —
nicht bloß äußerlich — genau so den
Heiligenschein, wie die unsrigen. Jegliche
Pietisterei und Biedermaierei ist fernge-
halten. Leider kommt gerade bei einer
so wichtigen Szene wie „Die Einsetzung
des heiligen Abendmahls", wenigstens
äußerlich, der protestantische Standpunkt
zum Ausdruck. — Nach den Schnorrschen
Holzschnitten sind die 30 Bilder in Photo-
lithographie und in größerem Format her-
gesteltt, so daß sie mit voller Wirkung eine»
größeren Saal beherrschen. Dagegen ist
wegen der schlechten Ausführung für die
kleine Ausgabe (48 biblische Bilder) der
Preis von 1 M. 50 Pf. z. T. noch zuviel.

Wie Schnorr durch Wigand, so wurde
der andere große prolestantische Roman-
tiker, Rethel, durch den Kunstwart-
verlag zur Geltung gebracht. Alan kennt
ja diese tadellose Wiedergabe der Toten-
tanzbilder seit Jahren. Freilich gehören
sie nach unseren Begriffen eigentlich nicht
mehr zur religiösen Kunst. Der Kunst-
warlverlag wird einstweilen für die Ent-
wicklung unserer religiösen Volkskunst über-
haupt mehr nur mittelbar von Bedeutung
sein, insofern er zur Läuterung des Ge-
schmackes ungemein viel beiträgt. Es hieße
in kritiklose Reklame verfallen, wenn mau
alle seine religiösen Darbietungen als
Primaware fürs christliche Haus empfehlen
ivollte. Die meisten Nummern sind nicht
oder nicht mehr se recht volkstümlich.

Von unseren großen katho-
lischen Romantikern war ivenig
zu sehen. Dafür begegnete man der
Herderbibel von H e i n e m a n n. Sie
machte einen würdigen Eindruck, wie sich
auch die Illustrationen zur biblischen Ge-
schichte nach in unserer anspruchsvolleren
Zeit wohl blicken lassen dürfen. Die
Kolorierung ist aus ästhetischen Gründen
beanstandet worden; widerspricht sie doch
der gewählten Nazarenermanier. Man
wild vom pädagogischen Standpunkt aus
zu keinem andern Urteil kommen. Dem
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