Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 22
DOI Heft: 10.11588/diglit.15941.8
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15941.11
DOI Seite: 10.11588/diglit.15941#0031
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1908/0031
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
E. Dite, Madonna

Nolle — noch immer nicht bemüßigt,
Volksausgaben zu veranstalten. Die Ur-
sache solcher Mißachtung geistigen und
künstlerischen Schaffens kann hier nicht
näher verfolgt werden. Soviel ist aber !
gewiß: Janssens erster Band, bisher
unsere Apologie, sollte künftig noch mehr
unsere Gewissenserforschung sein. Warum
blieb es dem Jugeudschriftenansschnß des
Allgemeinen Lehrervereins Düsseldorf Vor-
behalten, ins Erbe der großen katholischen
Zeit einzutreten und uns Dürers Lieb-
srauenleben wiederzuschenken? Ob die
Mitglieder des Vereins überhaupt in der
Verfassung sind, das Beste des Werkes zu
verstehen? Der Verfasser der Einleitung
ist es nicht, sonst hätte er statt seiner ge-
lehrten Worte eine simple Historie des
Marienlebens beigegeben. Möchte man
sich katholischerseits doch aufraffen, die
Zyklen unserer besten Dreister wieder her-
ausgeben und fleißig verbreiten! Welch
ein Prachtwerk ließe sich z. B. durch far-
bige Reproduktion der Bouifatiusbilder!
in der Basilika zu München mit ent-
sprechendem Texte schaffen! Ein guter
Griff ist heute schon die Herausgabe von
Schuhmachers Leben Jesu „Vom göttlichen
Heiland" für die Kleinen.

Welche Ent-
wicklung wird
wohl die Zu-
kunft bringen?
Der wachsende
Umsatz der Ge-
sellschaft für
christliche Kunst
läßt keinen
Zweifel dar-
über, daß eine
Besserung des
Geschmackes
trotz allem im
Anzug ist. Man
vergleiche nur
Bildchen wie
Feuersteins An-
tonius, Dites
Madonna! Und
so sieht der
Optimist eine
Zeit heranna-
hen, wo ein re-
ligiöses Kunstblatt, und sei es noch so klein,
keinen Absatz mehr findet, wenn es nicht
von einem ernsten Künstler als Erzeugnis
und Schöpfung seines Genius bezeugt ist.

! Die Verleger, welche bisher ohne sach-
verständige Beratung zu Streich kamen,
werden es ihren gewissenhafteren Kollegen
gleichtun, und beide werden als Bürg-
schaft einer guten Wiedergabe der guten
Schöpfungen den Namen ihres Beraters
oder besser Herausgebers den Serien bei-
drucken. Die protestäntischeu Firmen wer-
den für ihre katholischen Andachtsbilder
einen katholischen Herausgeber gewinnen,
so daß Mißverständnisse zwischen Verlag
und Publikum sich von selbst ausschließen.
Der Luxusgroschen, den der Katholik bei
manchen festlichen Anlässen für ein Er-
banungsbuch zum ordinären Preis zulegt,
wird nicht mehr in die Tasche des Blech-
fabrikanten fließen, sondern den sorgfältig
beschafften und ausgeführten innern Buch-
schmuck lohnen. Als Korrektur der Ver-
! oberflächlichung und Versimpelung, welche
die Zeitungen mit ihrem ephemeren Ge-
halt herbeiführen, werden sinnige religiöse
Zyklen und gemütvolle Bilderbücher in
den Häusern von reich unb arm Einzug
halten. So das Zukunftsbild desOptimisten.
loading ...