Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 25
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löeräü-geaeben mid redigiert von Universitäts-Professor Or. L. Bnnr in Tübingen.
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Die Stuppad)er DTabomta Grüne-
walds.

Von Professor K. Lauge, Tübingen.

Die Leser dieser Zeitschrift werden gern
die vielbesprochene Madonna in der katho-
lischen Pfarrkirche des Dörfchens Stnppach
bei Mergentheim, die ich im Septenlber
vorigen Jahres als Werk Grünewalds
erkannte, im Bilde sehen. Ich gebe des-
halb ans der Beilage eine Abbildung nach
einer Photographie, die in meinem Auf-
trag von einem Mergentheimer Photo-
graphen angefertigt ist. Ihre erste Pub-
likation ist kürzlich im Jahrbuch der
preußischen Kunstsammlungen von 1908
erfolgt. Dort sind auch zwei Details,
nämlich die Köpfe mit den Händen und
die Landschaft auf der rechten unteren
Seite des Bildes, besonders abgebildet.
Bon dem Inhalt der Abhandlung sei nur
das für das Verständnis des Bildes Not-
iveudigste hier mitgeteilt.

Maria sitzt in einem üppigen Garten
von südlichem Charakter, in Dem Granat-
und Feigenbäume wachsen, und hält aus
ihrem Schoße das stehende Christuskiud,
dem sie mit der linken Hand einen kleinen
Granatapfel darbietet. Die Frucht ist
nicht ganz leicht zu erkennen, da die
für i die Granatäpfel charakteristische
Krone fehlt oder wenigstens nicht deutlich
wiedergegeben ist. Aber die Farbe der
Frucht, bräunlich-rötlich, ist die des
Granatapfels, und auch der Baum, der
neben Maria steht, ist, was ich der Be-
lehrung meines botanischen Kollegen, Prof,
v. Vöchting, verdanke, sicher ein Granat-
baum. Ein zweiter wird links im Hinter-

| gründe sichtbar. Die symbolische Be-
' Deutung der Granate ist ja bekannt. Sie
, soll mit ihren roten Beeren auf den Opfer-
tod Christi Hinweisen. Doch muß man
eine solche Beziehung hier nicht not-
wendig voraussetzen. Wenn sich der
Künstler einmal entschloß, der Mutter-
gottes eine südliche Frucht in dit Hand
zu geben, so konnte es ebensogut eine
Granate wie eine Feige sein. Die
Form und Farbe weist trotz der Kleinheit
mehr ans eine Granate als ans eine
Feige, woran ich früher dachte. Bei
dieser müßte der untere Umriß anders
verlaufen. Uebrigens bleibt die Haltung
der Hand bei der einen Annahme so un-
klar wie bei der andern. Die. Frucht
scheint mehr auf den Fingern zu balan-
cieren, als am Stiel gehalten zu werden.
Der Eifer, mit dem das Kind nach der
! Granate greift und dabei seltsam gierig
die Finger spreizt, drängt die symbolische
Beziehung, wenn überhaupt an sie ge-
dacht war, ganz zurück und betont das
genrehafte Motiv.

Merkwürdig ist, daß die Stelle deS
Nimbus bei Maria eine Art Regenbogen
vertritt. Derselbe ist zwar, mit dem be-
1 nachbarten Teil des Himmels., übermalt-
war aber von Anfang an vorhanden.
Maria trägt ein karminrotes Aernrel-
gewaud mit weißem Pelzfutter und einen
blauen, violett gefütterten Mantel. Außer-
dem hängt noch ein durchsichtiger, wunder-
voll gemalter Schleier von dein rechten
Arme herab, mit dem sie das Christkind
i umschlingt. Ihr Kopf ist unbedeckt. Flachs-
! blonde Haare wallen anfHalSund Schultern
‘ herab.
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