Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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raum gelassen, in; bem sich auch die künstlerische
Individualität bei der Gestaltung der Werke be-
wegen kann. . . . In Bezug ans den Inhalt der
christlichen Kunst aber, die Ideen der Hl. Schrill
und der Glaubenssätze kann nicht persönliche Auf-
fassung beliebig frei walten; hier ist die Kirche
allein maßgebend. Das ist die grundfeste, unzerstör-
bare Burg, die in ihrem Bereiche dem Künstler
nicht nur ein freies Schaffen sichert, sondern ihn
erhebt 311 hohem Geistesfluge, der iveit über das
Menschliche hinaus zum Ewigen, zu Gott führt."

Aber welch einen Nutzen, welch gewaltige
Inspirationen könnte unsere Kirchenknnst
gewinnen, wenn .sie wieder mehr Anschluß
an den Geist der Liturgie, der Hl. Schrift
und des Dogmas suchen wollte! Der
innere Bund zwischen Kunst, Theologie
und Liturgie muß wieder in der Seele
des Künstlers erstehen, sonst wird die
Religion kunstlos und die Kunst gedanken-
los ilnd religionslos. Würden dann auch
noch die rectores ecclesiae in allen Fül-
len dieser Gedanken sich erinnern, dann
hätten wir bald nicht mehr jenes sinn-
und planlose Hernmstellen von Heiligen-
figuren in Kirchen und ans Altären, die,
wenn sie sich nicht noch rechtzeitig ans
ihren allgemeinsten Nechtstilel der com-
munio sanctorum besinnen, absolut nicht
wissen können, welch glücklicher Zufall sie
wie in ein Museum zusammengewürselt
hat: Ich weiß wohl, daß die Schwierig-
keit oft nicht sowohl am Mangel guten
Willens oder hinreichender ästhetischer
Durchbildung beiul reckor ecclesiae, als
an der unbelehrbaren Starrköpfigkeit
mancher frommer Stifter liegt?)

Nehmen wir einmal an: Es wäre eine
neue Kirche zu errichten und anszustatlen
mit Malereien. Da ivürde ein einziger
großer und zentraler Gedanke durchgeführt
werden, etwa der Gedanke: „LIrristus
lux mundi." Was könnte man bei-
spielweise aus der Karsamstagsliturgie
an Ideen hiefür gewinnen: wie aus dem
elnen Lichte göttlicher Weisheit durch die
schöpferische Tat des Logos wie Licht-
funken sich Sonne, Mond und Sterne

') Bor einigen Monaten betrat ich eine k I e i n e
Spitalknpelle. In derselben stehen und hängen
nicht weniger als etiva zehn Statuen und Bilder
der Mnttergottes, zum Teil von sehr fragwürdiger
Qualität. Hier ist nun von einem Gedanken
nicht mehr die Spur; hier ist die Geschmack-
losigkeit und Gedankenlosigkeit zum Prinzip er-
hoben und ein energisches Wort wäre eine Wohl-
tat! Wird es gesprochen werden?

und die reiche Fülle der Formenwelt ent-
zündet: die Fenersänle, der Lichtinhalt
der zwölf Prophezeiungen, die Apostel
ansgesandt als Licht der Welt n. s. w.

Oder nehmen wir den. Grundgedanken:
„Gott ist die Liebe." Und lassen wir
uns inspirieren von dem wundervollen
Liebeshymnus des mandatum am Grün-
donnerstag. Kurz von allen Seiten strö-
men aus der Dogmatik, Hl. Schrift ilnd
Liturgie uns die großen bilderreichen Illu-
strationen für die Darstellung der Heils-
wahrheiten zu. Man braucht nur zu-
zugreifen !

Es ist klar, daß der Geist der Liturgie
auch gewisse f 0 r m a l e A u f 0 r d e r u n g e u
au die christliche Kunst stellt. Versuchen
wir das darzulegen, iudenr. wir zunächst
die kirchliche Liturgie nach ihrem for-
malen Charakter analysieren. Wir kön-
nen dieselbe nach ihrer äußeren Dar-
stellungsform am richtigsten kennzeichnen
als symbolisierende Dramatik, oder als
dramatisierte Heilslehre des Kreuzestodes
Jesu. Diesem Charakter entspricht der
kunstvolle, wie ein antikes Trauerspiel
voranschreitende Gang der Liturgie bis
zum Höhepunkt im „göttlichen Untergehen"
der hl. Kommunion. Dein entspricht nun,
worauf besonders P. Pöllmann hinweist,
auch die äußere Form: das getragene
Pathos der Sprache, ihr Bilderreichtum,
das Gemessene der Gefühlsäußerung, der
Bewegung des Litnrgen, der ganz von
dein erschütternden Einste dieses von ihm
zu vollziehenden Dramas erfüllt und er-
griffen ist. — Alles verrät hier wohl-
abgewogenes Maß, verhaltene seelische
Kraft, Zucht, inneres Lebe». Ich wüßte
aus der profanen Kunst nur eiy Analogon,
das ähnliche formale, iin harmonischen
Maß gelegene Charaktere aufweist: das
ist das antike griechische Drama.

Soll nun zwischen Liturgie und kirch-
licher Kunst nicht ein Zwiespalt, der un-
bedingt zugleich nnkünstlerisch wirken
müßte, entstehen, so muß auch die Kirchen-
kunst jenes edle Maßhalten kernen, das,
ohne in Schablone und kraftlose konven-
tionelle Forin zu degenerieren, doch aller
äußeren Erscheinung den Stempel der
Harmonie und strengen Zucht aufprägt.
— Bon diesem Standpunkt aus ange-
sehen, war die Kirchenknnst des Barock-
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