Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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— nicht was den äußeren Aufbau «»be-
langt, denn dieser entspricht ganz der
Degginger Pfarrkirche und den übrigen
Barockkirchen —, sondern in der Stuccie-
rung, nimmt die Wallfahrtskirche Ave
Maria bei Deggingen ein. An die Stelle
der wuchtigen, stark hervortretenden Sluc-
catnren treten sehr zarte und flache Ge-
winde (Akanthusmoliv), von denen die
ganze Decke überspouneu ist. Diese Sluc-
caturen künden einen neuen Geschmack,
einen neuen Stil an.

Ums Jahr 1710 vollzieht sich nämlich
eine bedeutsame Wandlung. Man wendet
sich vom italienischen Barock mit seinen
derben Stnccaturen ab und wendet sich
dem feineren, eleganteren französischen
Barock zu. Französische Sitte, französi-
scher Geschmack und Mode wurden damals
tonangebend für das ganze gebildete
Europa. Und so war eS auch auf dem
Gebiet der Kunst. Jeder, auch der kleinste
Fürst in Deutschland, baute sich ein kleines
Versailles, und auch die kirchliche Kunst
konnte sich dem Zauber des gefälligen,
zierlichen „LouiS XIV." nicht entziehen.
Diesen französischen Barock mit seinen
geschmack- und maßvollen Stnccaturen
zeigt der Chor der Stiftskirche in Wiesen-
steig vom Jahr 1719. Andere Kirchen dieses
Stils sind in Schwaben: Weingarten und
Weissenau.

Eliva 1715—1730 beginnt der Ueber-
gang zum Rokoko (Louis XV.). Eigen?

architektonische und kon-
struktive Formen hat
das Rokoko nicht, diese
entlehnt es vollständig
dem Barock. Dagegen
geht es in der Orna-
mentik seine eigenen
Wege und läßt seinem
ungebundenen Ueber-
mut völlig die Zügel
schießen: alles wird
überspouneu mit diesen
koketten, graziösen, ge-
zackten uub gekräusel-
ten Gebilden. Das
eigentliche Rokoko, wo-
für die Klosterkirche in
Zwiefalten den Typus
darstellt, ist eigentüm-
licherweise im oberen
Filstal nicht hervorragend vertreten (ab-
gesehen vom Hochaltar in Ave Maria);
die Kirche in Drackenstein und die Jo-
sephskapelle in Gosbach zeigen schüchterne
Anklänge an diesen Stil.

Die Reaktion gegen die tollen Sprünge
und Ausgelassenheiten des Rokoko, wie sie
sich besonders in Zwiefalten zeigen, bildet
der Klassizismus oder Louis XVI.
Dieser Stil ist kein Kind des Volkes mehr,
sondern in der Studierstube entstanden,
auf den Kathedern der Akademien doziert
worden, und ist deswegen im allgemeinen
nüchtern, pedantisch und langweilig, ob-
wohl er in seiner Art manch Tüchtiges
geleistet hat. Klassizismus heißt mau
diesen Stil, weil er eine Nachahmung der
klassischen Stile der Griechen und Römer
ist oder wenigstens sein will. Diesem Stil
gehört an das Juneie des Schiffs der
Wiesensteiger Stiftskirche, sowie die Kirche
in Westerheim. Das Aeußere dieser
Kirchen wird immer kahler und fader und
zeigt schon ziemliche Aehnlichkeit mit den
sogenannten Finanzkammerkirchen. Mehr
befriedigt das Innere. Man freut sich
au den schönen klassischen Formen, den
korinthischen Kapitälen, Konsolen mit
Akanthusblättern, dem Eierstab, dem
Zahnfries, den Kassetten, Lorbeerge-
hängen und dergl. Aber so klassisch
das alles ist, es befriedigt doch nicht
ganz, der Beschauer kann sich eines
fröstelnden Eindruckes beim Anblick dieser
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