Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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beransgegebe» imb redigiert von Universitäts-Professor Dr. &. Bonr in Tübiiigeil.
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Aominissions-Verlog und Druck der dlktien-Gestllfchaft „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart.

Or. z.

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I()08.

Kirchliche Kunstschlosserarbeiten.

Besprochen von Prof. Dr. I. Roh r, Straßburg.

Es ist jetzt just ein Jahrhundert her,
seitdem der Deutsche, augeekelt durch das
uatiouale Elend der Gegenwart, sich auf
seine Vergangenheit besann und entdeckte,
daß er, im Gegensatz zur momentanen
Minderwertigkeit, einmal in politicis der
eiste Mann der Welt gewesen war und
in Knust itud Wissenschaft so gut wie
jeder andere seinen Mann gestellt hatte.
In stiller Hingebung lauschte er dem
Fühlen und Empfinden der Volksseele im
Volksliede, ihrem Sinnen und Spinnen
in der Volkssage, dem Waffenklang in
der Geschichte, und mit heiligem Schau-
dern trat er ein in die altersgrauen
Donle, die himmelanstrebenden Denkmale
einstiger Größe, — und merkwürdig:
während er sinnend der Vergangenheit
sich hingab, erwachte in ihm der Mut
und die Kraft für die Gegenwart. Einige
Jahre, und der Sieg heftete sich wieder
an die deutschen Fahnen, und wenn auch
nachher in den Kabinetten vieles verdorben
wurde, was ans bem Feld der Ehre er-
stritten worden war, so haben doch spä-
tere Jahrzehnte langsam und mühsam
eingelöst, was damals versäumt wurde:
nach außen eine geschlossene Einheit, nach
innen ein redliches Bemühen, alles zu
leisten, was das Wohl des Volkes for-
dert. Auch auf dem Gebiete der Kunst
und des Kunsthandwerks begann es sich
zu regen. Nach all den blutigen Kriegen,
die der Bruderzwist, fremde Ländergier
und fremdes Schüren und Hetzen herauf-
beschworen , war hier keine rasche Blüte

1 zu erwarten; auch lag das gelehrige
Hinüberschielen über die französische Grenze
, zu sehr in der Gewohnheit, als daß man
! es nun mit einem Schlag hätte lassen
können, aber der Doppelruf: zurück zur
früheren, guten Zeit und zurück zur Natur
barg doch auch einen Antrieb zur Enian-
zipation von fremden Einflüssen in sich.
Bot doch das eigene Erbe früherer Kunst
itnb die eigene Umgebung des Anregenden
und zugleich des Individuellen genug, um
den Pilgerfahrten an die Seine nach und
nach ein Ende zu machen. Die Sammel-
wut und die Jagd nach Altertümern hat
danials einen Grad erreicht, daß es da
und dort zu Konflikten mit dem siebten
Gebote kam, und der eine und andere
Mesner und Kastellan soll oder will einen
harten Kampf gegen Bestechungsversnche
zu führen gehabt haben. Aber dieselbe
Strömung hatte auch ihre guten Seiten:
sie führte Liebhaber wie Künstler und
Handwerker in die Schule der deutschen
Vergangenheit, namentlich des Mittelalters,
und die war gut. Es lag in der Natur
der Sache, daß diejenigen Gebiete sich
rascher regenerierten, welche ihre Adepten
von den hohen Schulen, also ans der
Sphäre historischen Betriebes bezogen und
dieselben zum Wandern nötigten oder doch
antrieben, daß es dagegen länger brauchte,
bis das neue Licht in die Werkstätten
seßhafter und konservativer Handwerker
hineinzudringen vermochte. Doch half die
löbliche Sitte des Wanderns in der Ge-
sellenzeit immer etwas nach. Und wenn
auch das Ueberhandnehmen des Maschinen-
betriebs eine Zeitlang den Fortbestand des
l Kunstgewerbes geradezu in Frage zu stellen
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