Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 46
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schien, so ging diese Gefahr doch glücklich
vorüber. Heute ist man in maßgebenden
Kreisen sich klar, daß es Dinge gibt, die
über den Machtbereich der Industrie und
die Schwingungen des Rades hinaus-
greifen, die eine Seele und ein Schaffen
aus der Tiefe der Seele heraus und eine
Sorgfalt und Liebe des schöpferischen
Gestallens auch beim Ausarbeiten fordern.
Künstler von Ruf haben sich um das
Handwerk angenommen, der Staat hat
Handwerkerfchulen, Ausstellungsräume,
Prämien und Stipendien geschaffen, und
dank diesen Bemühungen sind wir auf
dem besten Wege, dahin zurückzukommen,
wo wir — vor beinahe dreihundert Jah-
ren schon einnial waren: und wem das
rückschrittlich erscheinen will, der mag sich
vom deutschen Kaiser selbst das Gewissen
beschwichtigen lassen, denn gerade er hat
die Parole ausgegeben, das Kunsthand-
werk müsse dahin zurückkehren, wo es
vor dem dreißigjährigen Krieg war. Das.
ist nun freilich für das Kunstgewerbe zum
„Katholischwerden", denn was bis dahin
geleistet worden mar, das staminte aus
katholischem Milieu oder stand doch in-
direkt unter dessen Einflüssen. Aber wir
von unserem Standpunkt aus brauchen
das mindestens nicht zu bedauern.

Diese Rückkehr zur Wende des Mittel-
alters und zum Mittelalter selber ist nun
selbstverständlich dem einen leichter, denr
andern schwerer gemacht, je nachdem seine
Wiege oder Schule einem Zentrum mittel-
alterlichen Lebens näher oder ferner steht,
und so ist es in concreto noch keine
selbstverschuldete Rückständigkeit, wenn der
Rhein ein breiteres Tal hat als Neckar
und Donau, also für Völkerströme,
Warenzüge, Wohlstand, Komfort und da-
mit für die ökonomischen Voraussetzungen
kulturellen Aufschwungs eine breitere Gasse
eröffnete, und wenn er für den lernbe-
gierigen Kunst- inid namentlich Knnstge-
w.erbeschüler auch heute noch besonders
reiche Anregung bietet. Wenn die Söhne
des Flußgebiets von Neckar und Donau
trotzdem im Bereich der Kunst und ihrer
Unterarten sich einen Platz au der Sonne
zu erringen vermochten, so ist es für sie
umso ehrenvoller. Und sie haben'» ver-
mocht. Zwar war es noch keinem schwä-
bische» Architekten vergönnt, wie einst die

Brüder Parker von Gmünd bis ins sla-
vische Gebiet verzudringen. Aber ein
Vergleich ihrer Leistungen mit denen ihrer
bayerischen Nachbarn, denen jener weite
Schritt gelang, zeigt sie als konkurrenz-
fähig, und der Slephansdom in Wien
und das Münster in Bern erhielten durch
schwäbische Baumeister ihre Vollendung;
schwäbische Maler und Bildhauer genießen
einen Ruf weit über die Grenzen der
Heiinat hinaus. Ein schwäbisches Para-
mentengeschäft hat sich einen Preis jen-
seits des Ozeans geholt, und der säch-
sische Bischof trägt ein Insul schwäbischer
Herkunft. Ein schwäbischer Bildhauer hat
da» Chorgestühl für eine Kirche der Kunst-
stadt München geliefert, ein schwäbischer
Goldschmied hat in Paris eine Auszeich-
nung erhalten.

Der Schlosser und Schmied gehört
einer gröberen und rußigeren Zunft an,
als der znletztgenannte, und doch ist die
Schniiedeknnst sogar der Heiligen Schrift
so wichtig, daß sie ihren Erfinder ver-
eivigt hat; unsere Altvordern haben Wie-
land, den Schmied, mit einem ganzen
Sagenkreis umwoben. Schlosserarbeiten
in einem säkularisierten Kloster am Boden-
see besitzen eine solche Anziehungskraft,
daß ein Liebhaber sich sogar widerrecht-
lich in deren Besitz setzen wollte, und noch
wichtiger: auch die komplizierten Vexier-
schlösser daselbst klappen auch heute, trotz
ihres hohen Alters, noch, während ihre
Genossen aus modernen Fabriken oft
schon nach Jahrzehnten oder gar nach
Jahren nicht mehr federn. Einer der
tüchtigsten Photographen Württembergs
hat da und dort alte Schlösser und Tür-
beschlüge aufgenommeu; das prächtige
Spezialwerk über Barock, Rokoko und
Louis XVI. in Schwaben hat hübsche
schmiedeiserue Gitter reproduziert. Die
Redaktion des „Kunstarchivs" hatte schon
vor vierzehn Jahren den Plan, die schmied-
eisernen Gr abkreuze Württembergs zu re-
gistrieren und zu besprechen. Referent
j selber hat damals für das Unternehmen
in der Ehiuger Gegend Fahnduugstoureii
unternomrnen und in Ehingen selbst,
namentlich aber in Kirchbierlingen, wahre
Meisterwerke der Schniiedeknnst — letz-
tere wohl von dem Kloster oder im Auf-
trag des Klosters Oberinarchtal ge-
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