Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 49
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bei 33euroii. Dort dürfte eine der

idealsten „Lonrdesgrotten" stehen, die eS
überhaupt gibt. Mitten in schweigender
Waldwildnis, nicht zu weit ab von der
Gemeinde, überragt und umstanden von
der Pracht des Forstes, ein stilles Plätz-
lein, auf dessen einer Seite hoch in lichter
Kurve die gewaltige Felswand aussteigt,
in deren halber Höhe aus dunkler Höhlen-
nische klar und rein das Muttergottesbild
herniederschaut, zu seinen Füßen die
Quelle und blühende Blumen, ringsum
der Sang der Vögel und jenseits des
Weges das klausenarlige Hüttleiu zum
Rasten für den Pilger: das ist eine

Stätte der Sammlung und der geistigen
Erholung und eine Stätte der Weihe und
Poesie zugleich, wie es idealer kaum ge-
gedacht werden kan». Indessen haben
wir auch in der Diözese Rottenbnrg ein-
zelne vollständige Natur-Lonrdesgrotten;
zweifellos ist die imposanteste und roman-
tischste die in Drucken stein (Wiesen-
steig), eine große Höhle unten im ge-
waltigen Felsmassiv, auf welchem oben
das Pfarrkirchlein steht, und ganz abge-
schlossen vom alltäglichen Treiben und
Verkehr. Ebenso sind bei Schelk-
Linken und W in l e rstet t e nst a d t in
den natürlichen Fels Lonrdesgrotten ein-
gerichtet; beide freilich haben zum Schutz
vor Witterung n s. w. Zutaten erhalten,
welche höchst prosaisch wirken, doch ließe
sich hier leicht abhelfen. Gewiß könnten
sich ihnen noch verschiedene Natnrgrolten,
besonders in den Albtälern, anreihen.
Wo aber das nicht möglich ist und wo
eine künstliche Grotte errichtet werden
muß, da möge dieselbe doch wenigstens
an einen Abhang als Rückwand angelehnt
und dafür gesorgt werden, daß sie tüchtig
überwachsen und umgeben wird von
Baum- und Buschwerk, kurzum, daß sie
einen guten, soliden Hintergrund hat.
Ganz unglücklich sieht sich so eine Lonrdes-
grotte an, wenn sie, von hunderterlei
Tuffsteinslücken umhüllt, gleich einer Pyra-
mide, gleich einem ruinösen Gefäugnis-
turm, einem vorzeitlichen Grabhügel oder
einem Schilderhause ans Steinen aus
dem ebenen Boden anfwächst — ganz und
gar künstlich gemacht.

So viel über die Lonrdesgrotten.

Was die L o n r d e s st a l u e n be-

trifft , so kann man sich darüber kurz
fassen.

Zunächst die Vemerknug, daß, was von
der Anbringung von ganzen Lourdes-
grotten im Innern der Kirchen, ans
Altären u. s. w. gesagt wurde, nicht auch
ebenso von den Lonrdesstatuen gilt.
Dieselben haben als Muttergottesbilder
das Recht, überall Platz zu finden; frei-
lich wird es sich auch dabei als nötig er-
weisen, entsprechend große Figuren zu
wählen und nicht unwürdige Mach-
werk e ans Gips, Porzellan u. dgl.,
sowie den Platz für die Figuren so zu
wählen, daß sie nicht störend wirken. Am
besten dürften sie an einer passenden
Stelle an einer Wand, an einem Pfeiler,
in einer Architekturnische ans einer eigenen
Konsole angebracht werden, oder auch aus
einem Postamente, welches auf dem Boden
steht und mit Blumen, Kerzen u. s. w.
umgeben werden kann. Als eine Barbarei
künstlerischer Art müßte es bezeichnet
werden, wenn z. B. von einem stilgerechten
allen gotischen oder Renaissance-Altar ein
Madonnen- oder sonstiges Bild, welches
organisch zu dem Altar gehört und viel-
leicht seit Jahrhunderten auf demsetben
seinen Platz hatte, einfach weggenommen
und an die Stelle desselben eine moderne
Lonrdesstatue gestellt würde. Und nicht
bloß gegen die Kunst, sondern auch gegen
die religiöse Pietät wäre das ein grober
Verstoß.

Für die A u f st e l l u n g der Statuen
in den Grotten dürften auch einige
Winke nicht unnötig sein. Vor allem
handelt es sich dabei um die Größe der
Statue; dieselbe muß in einem natür-
lichen und guten Verhältnis stehen zu der
Größe der Felshöhle oder -Spalte, in
welche sie zu stehen kommt. Die Statue
darf vor allem nicht zu klein sein; sie
soll imponieren und dominieren, aber sie
darf auch nicht als eingezwängt und ein-
geengt in die Höhle erscheinen. Aber auch
vorausgesetzt, daß die Statue das ent-
sprechende Maß hat, so komm! noch vieles
ans die Aufstellung derselben an. Wir
sahen Statuen, die mit dem Haupte an
die Grottenwölbnng reichten, während
sie selbst auf ein unnötiges, stilisiertes
Postament fixiert waren, welches aller
Logik Hohn spricht, und dann wieder
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