Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 50
DOI Heft: 10.11588/diglit.15941.28
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15941.30
DOI Seite: 10.11588/diglit.15941#0060
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1908/0060
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
50

sülche, bereit Haupt unverhältnismäßig
weit unter der Wölbung sich befand;
Statuen, welche zu weit vorne und solche,
die zu weit in der Tiefe der Grotte
standen, so daß der ganze Oberkörper in
tiefem Dunkel sich befand. Hier muß
eben, will man wirklich eine volle Wirkung
erzielen, geprobt werden. Und die ein-
fache Regel, das Nichtige zu treffen, ist die:
die Statue muß vollständig und gleich-
mäßig sichtbar in die Erscheinung treten,
und die Konturen der sie zunächst um-
gebenden Felsgrotte müssen eine wohl-
tuende Umrahmung — zwar durchaus
nicht streng symmetrisch, aber auch ohne
auffallendes und störendes Mißverhältnis
— bilden, so daß das Ganze malerisch
wiikt. Das muß in jedent einzelnen Falle
eben der künstlerische Blick heransfinden.

Was das Material der Statuen be-
trifft, so wäre das Idealste ein Bild von
weißem Marmor: das vornehme Mate-
rial, die schimmernde Farbe entsprechen
ja besonders dem Geheimnis. Ob aber
Holz oder Werkstein -gewählt wird: nur
kein Surrogat, kein Gips und „Gips-
marmor" und ähnliches Backwerk! Solche
Dinge spielen im Freien, inmitten der
Natur, eine doppelt erbärmliche Nolle.

Nun aber die weitere Frage: Welches
Lonidesbild ist das beste und schönste?
Da müssen wir mit dem Redner auf der
letzten Generalversammlung unseres Vereins
zu Ravensburg bekennen: „Offen gesagt,
habe ich ein wahrhaft schönes Lonrdes-
bild noch nirgends gesehen." Die fast all-
seilige Zustimmung zu diesem Worte be-
kundete, daß in weiten Kreisen dieser
Mangel empfunden wird. Es gibt ja
verschiedene LonrdeS - Madonnenbilder ; in
Lourdes selber hat man den Unterschied
derselben in der Grotte, in der Kirche,
auf dem freien Platze rc. rc. handgreiflich
vor sich. Die Meister haben sich fast
peinlich bemüht, den Detailangaben Ber- i
nadetles über die Erscheinung zu folgen:
das Band, die Rosen ans den Füßen, die
gefalteten Hände, der Rosenkratiz n. s. w.:
sie haben all das angebracht, aber sind
nicht darüber hinausgekommen; ihre
Werke sagen uns fast nichts voit dem
Geiste und von der Größe des ganzen
Ereignisses. Die Statue auf der Säule
(gekrönt) zeigt ein schönes, unschuldvolles !

junges Mädchen und ist im ganzen wirk-
sam gearbeitet, aber es ist keine Mutter-
gottes; die Statue, welche in der Grotte
von Massabielle selbst steht (gleichfalls
weißer Marmor), ist tiefer und ernster
aufgefaßt, von klassischer Ruhe, hat etwas
Niobidenhaftes, aber das Angesicht ist zu
alt und ganz ungenügend im Ausdruck
— und das sind noch die besten Statuen.
Was aber sonst an Lourdes-Marien-
bilderu verbreitet wird, das ist durch-
schnittlich tief unter jeder künstlerischen
Bedeutung, vielfach ein ganz erbärmlicher
Schund in künstlerischer Beziehung, ab-
gesehen vom unechten Material. Fast allen
diesen Figuren gemeinsam ist der lange,
häßliche Hals, die überschmalen unnatür-
lichen Schultern und jeder Mangel an
gutem Faltenwurf — vom Angesichte gar
nicht zu sprechen. Leider ist mir Die
Statue uoiit Liebfrauental bei Benron
nicht mehr genau in Erinnerung; wenn
sie von einem Klosterkünstler stammt und
eigene Arbeit ist, so ist sie gewiß besser.

Es wäre gewiß der schönste Beitrag
zum 50jährigen Lourdesjnbiläum, wenn
sich ein wirklicher Künstler von Gottes
Gnaden daran machte, für die Aufgabe,
ein wirklich würdiges, monumentales und
frommes Lourdes - Madonnenbilv der
Christenheit zu geben, die Lösung zu
finden. Diese Lösung wird aber nur dem-
jenigen Künstler glücken, der zugleich ein
großer Künstler und ein treuer, frommer
katholischer Christ ist. Auch das Studium
der Sache an Ort und Stelle reicht lange
nicht aus. Nur dann, wenn sich der
Künstler — als Christ — hineindenkt in
die Tiefen des Geheimnisses der Er-
scheinung Mariä in Lourdes, in die
Tatsache, daß es Maria selbst, die einzig
Sündenlose, die Muttergottes, war, welche
die rauhe Felsenwand von Massabielle
mit ihrer persönlichen Gegenwart geheiligt
hat, — und wenn der Künstler die
zarten und frommen wie die großen und
bedeutungsvollen Seilen dieser Tatsache
alle umfaßt und zu Einer geschlossenen
Einheit seines künstlerischen Empfindens
zusammenfaßt: dann wird ihm allmählig
das Ideal in seiner Seele erstehen für
eine gute und entsprechende Lonrdesstatne.
Sollte das nicht möglich sein in diesem
oder den kommenden Jahren? Allerdings,
loading ...