Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 51
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die „modernen" Künstler werden — und
mögen die Hand davon lassen!

Nicht gar selten findet sich an einem
stillen, von dem Welllärm geschützten Orte
neben der Lourdesgrotte auch eine O e l -
b erg-Darstellung. Letztere sind ja
vom tiefen Mittelalter an dem Volke be-
sonders teuer und lieb geworden. Und
wenn man näher znschant, so ließen sich
zwischen Oelberg und Lourdesgrotte manche
tiefe Beziehungen herausfinden. Der Um-
stand, daß die Erscheinungen von Lonrdes
in die Fastenzeit fielen (der Hauptsache
nach), die Predigtworte der Mnltergottes :
„Buße, Buße, Buße!", die Beziehungen
zwischen der sündenlosen Mutter, welche
die Welt zur Buße rust, und dem sünden-
losen göttlichen Sohn, dem in der Todes-
angstgrotte die Sünden der Welt auf den
Schultern lagen, das und noch vieles
andere gäbe Stoff genug zn einer Pa-
rallele zwischen Oelberg und Lourdesgrotte.
So hat es einen tiefen und ernsten Sinn,
wenn die beiden Darstellungen beisammen
sind. Die Mutter ruft die Menschheit
unserer Gegenwart zurück zu ihrem
Sohne, dem einzigen tind wahren Retter
und Erlöser. Da hat ihre Offenbarung
als die unbefleckte Empfängnis eine
ganz eigene, großartige, erdumspannende
Bedeutung für die Gegenwart und die
moderne Welt. Was ließe sich alles hierüber
sagen?

Wozu wir alles dieses ansühren? Nur
um daran anknüpfend de» Gedanken ans-
znsprechen, daß die Lourdesgrotte den Oel-
berg voraussetzt, ihn aber keineswegs er-
setzt, daß deshalb der Oelberg, wo
ein solcher best c h t, unter keinen
Umständen durch die Lourdes-
grolle verlieren oder in ziveite
Linie versetzt werden darf: das

ginge gegen den Geist und Sinn der
Lourdesgrotte selber. Und wo weder Oel-
berg noch Lourdesgrotte sich findet, wo
aber doch solch eine fromme Ställe ge-
tvünschl wird, da möchten wir, wenn
nicht gerade ganz besondere Umstände auf
die Errichtung einer Lourdesgrotte Hin-
weisen, in erster Linie für den
Oelberg ein Wort einlegen; ist er ein-
mal da, so wird die Mnttergottes auch
Nachfolgen.

Geschichte der kirchlichen Kunst
im oberen Klstal.

Mit besonderer Berücksichtigung der
Architektur.

Von Pfarrer Wunder, Mühlhausen.

(Fortsetzung.)

Eine weitere gefährliche Zeit für die
alten Kunstdenkmale und besonders ihre
Jnneneinrichtnng war die Reaktionszeit
der 60er, 70er und 80er Jahre des vo-
rigen Jahrhunderts, wo alles, was nicht
romanisch oder gotisch war, als unkirchlich
und heidnisch verschrien und wo auch manche
Kirche unserer Gegend gründlich vom „allen
Zopf gereinigt" wurde. So wurden die
allen Altäre hinausgeworfen in Ditzenbach,
Gosbach, Drackenstein, Hohenstadt und
Westerheim. An ihre Stelle traten ro-
manische oder gotische Altäre, meistens
armselige Produkte des Schreinerhandwerks,
die, abgesehen von ihrer Oede und Leere,
zum Stil der betreffenden Kirchen gar
nicht passen.

Noch einige Worte über die Größen-
maße unserer Kirchen. Es finb einige
da von ganz respektablen Verhältnissen.
Die Stiftskirche in Wiesensteig hat eine
Gesamtlänge von 50 Nietern, worunter
37 Nieter auf das Schiff kommeil, eine
Breite von (außen) 16 Nietern. Die
Degginger Pfarrkirche ist (außen) 47 Nieter
lang (Länge des Nollenbnrger Doms),
und 16 Bieter breit, Ave Biaria ist zirka
40 Meter lang, Pfarrkirche in Westerheim
ist 34 Meter lang, 14 Bieter breit. Die
übrigen sind sämtliche ziemlich kleiner. Die
Pfarrkirche in Mühlhausen z. B. hat eine
äußere Länge von 25 Metern, eine Breite
von 9V2 Metern.

II.

Die einzelnen Kirchen.

1. D eggin gen.

a) Pfarrkirche znm hl. Krenz.

Dieselbe ist, abgesehen vom gotischen
Turm, ein prächtiger Barockbau aus
einem Guß, auch von außen imposant
wirkend und gut gegliedert. Das Innere
ist ganz massiv überwölbt, der Chor schließt
im Halbkreis. Derselbe hat ein Tonnen-
gewölbe mit kleinen Stichkappen, in welche
die Fenster hineinragen, lieber das Schiff
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