Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 66
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richt bereits gemalt. Da die Kirche 1733 vollendet
wurde und die Freskodekoration in der Regel
den Schluß der Ausschmückung bildete, so wird
das Bild kaum vor 1738 entstanden sein, umso-
weniger als aus deni Jahre 1732 zwei umfang-
reiche Freskozyklen Günthers bekannt sind, die
ihn sicher während des Jahres 1732 bis zum
Eintritt der Kälte vollauf beschäftigt haben. „Die
früheste, sicher bestimmbare Arbeit" Günthers ist
deshalb das Sterzinger Fresko jedenfalls nicht.

An Werken Günthers in Tirol werden von
Mayr außer den im „Archiv" 1907 bereits ver-
zeichneten noch folgende genannt:

1735 Sterz in g, Deutschordenskirche: Altar-
blatt, darstellend St. Elisabeth und Georg.

1770 Gall wiese (Mentelberg) bei Inns-
bruck, Kirchlein: Fresken im Auftrag des Stiftes
Wilten. •

1775 Götzens, Pfarrkirche: Deckenfresken
(sehr schlecht restauriert, wie mir Herr Professor
Riehl brieflich mitteilt).

c. 1782 St. Vigil und Abtei (beide in
dem vom Pustertal südlich abzweigenden Gader-
tal): Fresken in den beiden Kirchen. —

Vermutungsweise werden von Hans Semper
(„Wanderungen und Kunststudien in Tirol", 1894,
S. 91) die „in prächtiger Farbenfrische prangen-
den Fresken" der St. Michaelskirche zu Jnni-
chen (um 1760) wegen ihres tiepolesken Ge-
präges Günther zugeteilt. —

Herr Professor Dr. Bertold Pfeiffer hat,
wie er mir brieflich mitzuteilen die Güte hatte,
im Finanzarchiv zu Stuttgart die Nachricht ge-
funden, daß Günther laut Accord vom 19. Sept.
1759 „int ersten und zweiten Vorzimmer derer
herzoglichen Attiques" im Schloß Lud'wigs-
burg (Obergeschoß) 16 Stück „Trumeaux-Bilder
und Surporten-Malereycn" um 480 Gulden zu
verfertigen hatte. Die Bilder sind noch vor-
handen, „haben stark nachgedunkelt, sind aber
mit Grazie komponiert, so daß Günther auch in
der Profankunst auf der Höhe der Zeit erscheint".
Eine Abbildung eines Zimmerausschnittes mit
Trumeaubild Güitthers findet sich in dem Werke:
„Herzog Karl Eugen von Württemberg und seine
Zeit" S. 640, wo Pfeiffer u. a. bemerkt, daß
der eine dieser Räume das Beste sei, ivas sich in
Schlössern des Hauses Württemberg an Rokoko-
Interieurs erhalten habe. —

Endlich sei noch erwähnt, daß sich in Fürst en-
zell bei Passäu, wo ich ein Bibliothekfresko
-Günthers angeführt habe, auch in der Kloster-
kirche ein Deckengemälde von seiner Hand, dar-
stellend das jültgste Gericht, vorfiltdet.

Literatur.

-Die bildende 'Kunst der Ge gen-
iv ar l. Ein Büchlein für jedermann von
Joseph S l r z y g o w s k i. Leipzig
(Quelle und yjfeper) 1907. (XVI und
: 279 S. mit 68 Abbildungen.) Preis ge- 1
: heftet M. I.—, gebündelt Di. 4.80.

Vorliegendes Buch ist eine Gelegenheitsschrift,
hervorgegaugen aus Ferienkursen, die der Ver-
fasser, Professor iit Graz, vor Lehrern gehalten.
Auch als Leser denkt er sich ein „Publikum ohne *

Hochschulbildung". „Ein Büchlein für jeder-
mann" ist es aber deshalb noch lange nicht,
sondern setzt immerhin nicht unbedeutende Vvr-
kenuiuisse sowohl in der allgemeinen Kuitst-
geschichte als besonders in der Entwicklungs-
geschichte der neueren Kunst voraus, Borkenut-
nisse, wie sie wohl nicht einmal jeder Leser mit
Hochschulbildung besitzt. Jedem aber, der über
dieselben verfügt, bringt die Lektüre- des frisch
geschriebenen Buches ebenso anregenden Genuß
wie reichen Gewinit. Die interessanten Aus-
führungelt des Verfassers gipfeln in solgeudeit
Gedanken: Die moderne Baukunst ist den An-
forderungen der Zeit nicht-gewachsen; den großen
neuen Aufgabelt tonnte sie, bisher feilte ent-
sprechenden neuen Formen, keilten neuen Stil
entgegeubringen. Demgemäß spalten sich. die
Baukünstler in drei Klassen: die eigentlichen
Architekten, wie der Autor die- Klassizisten und
Romantiker nennt, die sich an die verschiedenen
historischen Stile halteit; in Ingenieure, die vom
Zweckmäßigen ausgeheu und diesem die äußeren
Formen ttnterordneit, und endlich in Dekorateure,
welche ohne Rücksicht auf die Struktur die
gegebene Wandfläche zum Spielball ihrer Ein-
fälle machen. Bei diesem Streit der Ansichten
findet er natürlich nicht viel Erfreuliches in der
heutigen Baukunst, und das gleiche gilt amlstvon
derBildhauerei. Die „Entwertung des Menschen",
der zur Maschine geworden tlyd - auch der mo-
dernen natnrphtlosophischen Auffassung nicht mehr
als Mittelpuitkt der Welt gilt, sondern nur noch
als ein Atom des Weltganzen, und die Ent-
wertung der Menschengestalt, deren Ausbildung
vernachlässigt wird, haben der Plastik geradezu
den Todesstoß versetzt. Namentlich haben die
Standbilder' auf tmseren öffentlichen Plätzen mit
wahrer Kunst gar nichts gemein.- Eine erfreu-
liche Entwicklung dagegen haben das Kunst-
gewerbe und die, Griffelkunst (graphische Künste)
durchgemncht. Weniger auerkeunend aber spricht
sich Strzygoivski über, die Malerei 'aus, welcher
eutsprechend ihrer Bedeuluug- innerhalb der bil-
denden Kunst der Gegenwart nahezu die Hälfte
des Büchleins gewidmet .ist. Aus Mangel an
einer einheitlichen. .Weltanschauung, die ihr in
erster Linie einen' allgemein gütigen und wür-
digen Inhalt bieten sollte, hat sie auf einen
geistigen Inhalt überhaupt mehr und mehr ver-
zichtet und ist. auf eine einseitige Darstellung der
Natür und übertriebene Betonung des Tech-
nischen, Handwerksmäßigen verfallen. Gegeuüber
dieser „Verachtung des Gegenständlichen" ver-
langt der Autor vor allem, wieder einen Inhalt.
Einer, der selbst ltichts Bedeutendes zu jage»
hat, der nicht aus dem eigenen Ich zu schöpfen
iveiß, mag ihm zivar ein geschickter „Maler" sein,
ein „Künstler" aber ist er noch lange nicht. Denn
in der wahren Kunst ist die Technik nur Mittel
zum Zweck, die handwerksmäßige Unterlage; das
Wesen der Kunst aber.macht der Inhalt aus.
Entsprechend dieser Kunstauffassung ist ihm,Bö,cklin
der größte Künstler der Neuzeit, den er in allen
Tonarten feiert. Umgekehrt aber zieht er gegen
die Jiuppesfiopisten und besonders .gegen den
-Führer - dieser ,,Richtung, in Deutschland, gegen
Lieber'malin „u. Eompl", sowie' gegen den lite-
rarischen Verfechter des LiebermannsckM Stand-
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