Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 71
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71.

Glaubwürdiger Tradition gemäß hing <
das Bild vor einem Iahrhundert I
noch in der Apothekedes Klosters
zu Witticheu. Vor dem Bild des gölt-
lichen Arztes und himinlischeu Apothekers
mögen sich jahrhundertelang die Ordens-
frauen zur Ausübung Ser Werke leiblicher
und geistlicher Barmherzigkeit begeistert
haben, bis der Klostersturm auch dieses
Kleinod dem Schutz der Klostermauern
entrissen. In armer Hütte sollte es Unter-
kunft, aber auch beinahe Untergang finden.
Eine Klostermagd, Luitgard Schatz in
Vorthal, nahe bei Witticheu, die den
letzten Klarissinnen nach der Säkularisa-
tion bis zu deren selig Ende treu ge-
dient, erbte die gemalte Klosterapolheke.
Deren Erben indes scheinen das kostbare
Vermächtnis nicht sehr geachtet zu haben.
Der einstige Glanz, in dem die Hanpt-
gestalt erstrahlte und in Aug' und Herz
der über die Schwelle der Klosterapolheke
Schreitenden geleuchtet, muß in dem Rauch
der S chrv arzwäld erstu be beträchtlich
erbleicht sein, so daß die heutigen Nach-
kommen der Klostererbin seine Schönheit
und seinen Wert nicht mehr entdeckten und
schätzen konnten; und sie wußten schließ-
lich die bemalte Leinwand nicht besser zu
benützen denn als treffliche Reibfläche für
Schwefelzündhölzchen — habent sua fata
libelli! Zum Glück haben unter dieser
barbarischen Behandlung, wie sie einst
auch Heidnischen Kunstwerken im Äiiltel-

i alter in beklagenswertem Umfang zu
I teil geworden war, nur die Neben-
figuren und die altertümliche zehnzeilige
Inschrift in der untern rechten Hälfte
sehr gelitten. Die ehrfnrchtgebietende
Hanptgestalt mit dem lieblichernsten
Brustbilde des Heilandes iur Mittelpunkt
des Gemäldes scheint die Hand des Zer-
störers oder der Zerstörerin drohend von
sich abgewehrt zu haben. Das Haupt-
bild ist so glücklicherweise unversehrt ge-
blieben und kaum restaurationsbedürftig
gewesen. Die andern, mehr nebensäch-
lichen Beschädigungen hat die Kunstmalerin
Maria Freudenreich in Ochsenhausen mit
ihrer an alten Bildern oft erprobten
Sachkenntnis und Uebnng kunstgerecht
saniert und auch die Inschrift mit nner-
müdlichem Spürsinn und hingebender
Pietät, unterstützt durch chemische Analyse,
bis auf eine Stelle richtig ergänzt, Nur
die Jahreszahl, die ich noch im Som-
mer 1900 an Ort und Stelle gesehen zu
haben glaubte, 1629 oder eher 1692, war,
wie es bald darauf in den glücklichen Besitz
des Schreibers dieser Zeilen kam, vollends
abgebröckelt uub hat sich nur in dessen
Gedächtnis mit der unsicheren Doppel-
lesart erhallen.

In diesem engen Nahmen seiner
OrtS- und Zeitgeschichte gefaßt, soll nun
das Bild der Klosterapolheke von Wil-
lichen im einzelnen beschrieben werden.

(Fortsetzung folgt.)

Oio neue katholische ^tadtpfarr-
kirche in Nagold.

Von Dekan Reiter, Vollniaringen.

Die katholische Stadtpfarrkirche in Na-
gold, am l4. Januar 1907 voiil hoch-
würdigsten Bischof Paul Wilhelm v. Kepp-
ler konjekriert, ist den Apostelsürsten Petrus
und Paulus gewidmet und faßt etwa 500

Personen. Sie erhebt sich in der Nähe des
vor mehreren Jahren e> bauten Bezirks-
krankenhauses in der Ecke der Wörth-
! und Moltkestraße, ist gegen letztere und
i die Talsohle etwas erhöht und gewährt
einen hübschen Ausblick auf die wald-
und sagennmrauschte Burg Hohennagold.
Mancher Besucher wird lebhaft bedauern,
daß die Kirche nicht in der Gegend vo»l
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