Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 75
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in einer öffentlichen Urkunde vor. Dessen-
ungeachtet geben alle Urkunden zu ver-
stehen und reden vom Rechberg als einem
uralten Zufluchtsort für alle um-
liegenden Christen, ivo jeder in allen An-
liegenheiten bei Maria Hilfe und Trost
finden könne. Die Urkunden selbst melden
zwar nichts von den sonst auf Wall-
fahrten gewöhnlichen Mirakeln. Allein
umsomehr geben sie uns die außerordent-
lichen Bekehrungen und Sinnesänderungen
der verruchtesten Menschen zu verstehen,
wiewohl auch die Erfahrung von zeit-
lichen und leiblichen Guttaten nicht zu
leugnen ist, indem besonders die vielen
Krücken, Ketten und andere äußerliche
Danksagungszeichen die wundergute Maria
auf diesem Berg von Jahrhunderten her
verkündigen. Borzüglich aber scheint
allenthalben die Zärtlichkeit und das
große Zutrauen gegen diese berühmte
Gnadenmutter bei dem ganzen sowohl
hochgräslichen als nunmehr hochfreiherr-
lichen Hause Rechberg hervor. Die herr-
lichen Abstämmlinge hievon sahen diese
Orte von den ältesten Zeiten her als einen
Platz, wo ihre Familie unter dem be-
sonderen Schutz und Schirm Mariä
stehe. Deswegen verordnelen die Alten
von Rechberg, daß, wiewohl ihre
Leichname insgemein nach Donzdorf in
die St. Lorenzen-Pfarrkirche zur Erdeu-
bestaltung gebracht werden mügten, jeden-
noch ihre besondere Leichengottesdienste
und Seelenbegängnisse auf dem Rechberg
gehalten werden sollten. (Forts, folgt.)

Literatur.

Bom göttlichen Heiland. Bilder aus
de», Lebe» Jesn. Gemalt von Philipp
Schumacher, der Jugend erklärt von
Franz a v e r T h a t t, o f e r. München
(Allgem. Berlagsgej.) 1907. 68 S. gr.
8°. Preis Kalikobanv mit farbigem Titel-
bild 4 Mark.

Das Buch bietet einschließlich des glücklich
gewählten Titelbildes 17 farbige Vollbilder aus
dem Leben Jesu; dazu kommen noch 16 Breit-
leistenbilder in.Schwarz und Weiß. Fast alle
Biloer sind dem bekannten „Leben Jesu" mit
geringen Veränderungen entnommen und ver-
einigen sich zu einem prächtigen Jugendbuch.
Eine Vergleichung beider Werke beweist, daß
einige Darstellungen bei. der Herübernahme ge-
wannen, manche auch verloren haben; voraus-
gesetzt ist dabei, daß die Güte der Wiedergabe
be iallen Exemplaren dieselbe ist. Denn wie der

„Tod des hl. Joseph" zeigt, hängt hier sehr viel
an einem minimalen Unterschied. Interessant
gestaltet sich die Gegenüberstellung der Kopfleisten
mit den entsprechenden farbigen Bildern im großen
Werk. Beidesmnl gibt die Technik ihr Bestes.
Der Sieg bleibt jedoch dem Vierfarbendruck.
Mehreremal muß man die Gefühle, die Herr
Thalhofer in den Gesichtern liest, int „Leben
Jesu" suchen. Statt der Frauen am Grabe
wäre vielleicht besser die Auferstehung herüber-
genommen worden. Die Darstellung des Aethe-
rischen (Verklärung und Engelerscheinung) wird
manche nicht befriedigen, weil sie zu sehr an die
Visionshypothese gemahnt.

Der Text entspricht vollauf den hohen Er-
wartungen, die der Name Thnlhofer weckt. Das
Kind wird hier angeleitet, bei den biblischen
Ereignissen, die es bereits kennt, betrachteno zu
verweilen. Bild und Wort verbinden sich, um
für den Engel des Herrn, das Rosenkranzgebet
und daS übrige Seelenleben die lebhaftesten
Anregungen zu bieten. Demselben Zwecke dienen
die beigedruckten Gedichte aufs trefflichste. Da-
gegen wird man im Interesse der Kinder die
kunstgeschichtlichen Exkurse und Hinweise auf
andere Darstellungen derselben Gegenstände kaum
unentbehrlich finden. Sie wirken wie Verstöße
gegen die Stileinheit. Der Verfasser hat wohl
an die vielen Erwachsenen gedacht, denen das
Buch das „Leben Jesu" ersetzen muß. Möge»
recht viele zu diesem Ersatz greifen! Es ist eher
eine Reklame als eine Konkurrenz.

D e g ni a r n (OA. Neckarsulm). A. Fische r.
H au o l) n et) Der K u » stges ch l ch l e von
Anton Springer. V. Baud: Das
19. Jahrhundert. Bearbeitet und ergänzt
von Max Osbor» (4. Ausl.). Mit
490 Abbildungen und 23 Farbendruck-
tafeln. Leipzig (E. A. Seemann) 1907.
(452 S.) Preis in Leinen geb. 10 Ai.
Ueber den Wert und die Brauchbarkeit der
Springerschen Kunstgeschichte sind die Urteile
schon längst einig. Mehr als Worte spricht für
ihre Gediegenheit die Tatsache, daß trotz der
starken Konkurrenz in den letzten Jahren eine
Neuauflage nach der andern erscheinen konnte.
Doch haftete dem Werke immer noch ein Mangel
an: eL reichte nur bis an den Anfang des
19. Jahrhunderts. Der Teil des Springerschen
Handbuches, welcher das 19. Jahrhundert um-
faßt, hatte seit dem Jahre 1881 keine neue Be-
handlung mehr erfahren. Es ist deshalb zu
begrüßen, daß sich nunmehr der Verlag dazu
entschlossen, hat, auch diesen Teil als o. Band
des ganzen Werkes neu herauszugeben, und er
konnte die Neubearbeitung nicht wohl in geeigne-
tere Hände legen als i» diejenigen von M. Osbprn,
der besonders durch seine kritische Tätigkeit wie
wenig anders mit den neueren Kunstströmungen
bekannt ist. Für die erste Hälfte des 19. Jahr-
hunderts hat Osborn den Springerschen Text
nach Möglichkeit unverändert übernommen. ; In
der Darstellung der neueren Kunftentwicklpng
aber, die sich vom historisch-kritischen Standpunkt
unserer Zeit aus angesehen wesentlich anders
ausnimmt als in den Tagen Springers, der
selbst »och mitten in diesen Kämpfen und Be-
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