Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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Creitzwurtz. Links von diesem stehen G e -
säße, je mit der Signatur: Augentrost,
Wein und Wasser; unteihalb, rechts von
dem in der Mitte stehenden Kreuzwurz,
ein kleines Lot mit Schalengewichten.
Unmittelbar unlerhalb der Wage sind ans
einem vor dem Heiland stehenden Tisch
in zwei Reihen ausgestellt elf in der
Farbe stets wechselnde Standgefäste
mit den Aufschriften: ersorschung des Ge-
wissens, rew und laid, ein lautres Herz,
Keuschhait, friedferligkhait, sanfstmuetig-
khait, barmherzigkhait, Geduld in leiden,
Gehorsam, heiterkhait.

Das ganze Bild erklärt eine im untersten
Feld angebrachte Inschrift mit dem
Titel:

Eine Quelle köstliche Artznep für allerlei)

kranckhaiten deiner seel und deines leibs!

Erstäns: schickhe ein bolten deines an-
dechtigen Gebells in die Apoteckhen der
h.h. Dreisfalligkhait und bitte den vatter,
den sohn und hl. gaist, das Er dir gebe
1 lolh Sanfftmuetickheit, 2 loth Deninetig-
khait, 3 loth barmhertsigkhait, 4 lolh be-
stendiakhait, 5 lolh lauterkhait des ge-
mueths und des leibs. dises stoß alles
nnder einander; 6 loth Zuckher göttlieber
lieblichkhait, 7 lolh Glaub und Hoffnung
und die betrachlung des unschuldigen
Bluets vergnesens nnsers lieben Herren
Jesu Christi, dn wirst sehen, daß dir
Gott eine Einsprechnng schickh.... den
Zäher deiner Augen und lrinkhe abher.. alle
5 Tag nach einander: den Ersten Tropfen
am Morgen, den verstand durch Erkannt-
nnß zu Bestendigkhait. den anderen lag
Hab re>v und lepd über deine sünd: den
driten Hab ein lautere Demnet, den
vierten lhag ein Geduld in Leid und
mneseligthait. Ten [fiiitflen ?] tag Hab ein
starkhen sürsatz htnsür an uit mehr z>t
sündigen und hüet dien vor sünden und
denk daran: du mnest sterben! . . . und
wirst gesund an deiner Seel werden.

hernach so uimb auch ein kräfftiges
Confere') weichest dich stergkhet durch

Wahrscheinlich ist Confect zu lese», ein Aus-
druck, der schon früh für ein Hauptprodukt der
früheren Apotheke, „zuckergesüßte Arznei und
Schleckereien" (Schelenz, S. 886) gebraucht wurde;
Konfektschachteln aus dein 1ö. Jahrhundert aus
Wolfenbüttel und Nürnberg sind noch erhalte».
Zahlreiche Vorschriften zu Confectiones finden
sich schon in mittelalterlichen Arzneibüchern. Der

' den empfang des hochwürdige sacramend
: des altars, dises mittel ist bewerth ilnd
helfet für alle artzneyen in deines ganzen
lebens. . . .

was du wirst brauchen, so geh viel
der zu der himmlische doktor, daß ist
Gott der vatter, der arzt der Sohn, der
Apotheckher der hl. Geist.

Eine ganze Klosterapotheke mit ihrem
vollständigen Inventar tritt uns also hier-
vor Augen: der Apotheker mit seinem
Bild und Wahlspruch, der Einladung
zum Eintritt in die Stätte der Heilung
nnd Hilfe; Arzneien, Wage und Gewichte,
Standgefäße und Töpfe mit Aufschriften,
Rezept mit Bereitungs- und Gebrauchs-
anweisung. — Fürwahr ein belehrender
Einblick in die geheimnisvolle Einrichtung
s r ü h e r e r Apothek e», ein Dokument
zur Geschichte des Apothekerwesens im
17. Jahrhundert, wäre nicht alles in
allegorischer Tendenz in das Gebiet des
religiös-sittlichen Lebens übertragen. Wir
haben eben hier eine geistliche Apotheke
in Bild und Wort vor uns. Uni zum
tieferen Verständnis ihrer geheimnisvollen
Inschrift zu gelangen, muß erst eine
Brücke geschlagen werden von der realen
Welt des Klosterapothekenbildes zur über-
sinnlichen Auffassung von Krankheit nnd
deren Heilmittel, von der Geschichte zur
Mystik in der literarischen nnd tünstleri-
scheir Vertretung medizinisch anfgefastten
Christentums.

Wissenschaftliche neueste Bearbeitungen
der G e s ch i ch t e des A potheker-
wesens, die auch den kulturgeschichtlich
bedeutsamen Bilderschatz bis zu den
seltensten Raritäten wirklicher oder alle-
gorischer Darstellungen aufgestöbert haben,
bieten wenig Analoges, so in den von
Georg Steinhansen heransgegebenen Mo-
nographien zur deutschen Kulturgeschichte:
Der Arzt und die Heilkunst in der
deutschen Vergangenheit, mit 153 Ab-
bildungen, Leipzig 1900, von Peters oder
desselben Verfassers zweibändiges Werk:
Aus pharmazeutischer Vorzeit in Wort
und Bild, zweite Auflage, 1891—1899.

Straßburger Arzt Gualtherus Nyff verfaßte 1548
ein Merk, „Confectbuch oder Haus;>2lpothek".
lieber Bedeutung nnd Bedeuiungswechset des
strittigen „Confect" f. Peters, „Aus pharm. Vor-
zeit" 1, S. 15 ff.
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