Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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Ein Bild aus und über Klosterapotheken,
welch ein Licht fällt von ihm nicht auf
eine der schönsten Seiten klösterlicher
Charitas und klösterlicher Wissenschaft
vergangener Tage! Schon in den
frühesten Zeiten halte in den Klöstern die
Heil- und Arzneiknnde eine Stätte gefunden;
vor ihren Pforten fanden sich Arme und
Elende ein, die Gaben werklätiger Nächsten-
liebe zu empfangen, nicht bloß Heilmittel
für die Krankheiten der Seele. Erhoben
sich ja in und um die Klöster die ersten
Krankenhäuser, deren Errichtung das
Konzil von Nizäa besonders empfohlen
hatte?) Bald wurden sie auch in Deutsch-
land die Pflanzstätten wie der schönen
Wissenschaften, so auch der Heil- und
Arzneikunde. Sie bauten Arzneikränter
an, deren Kenntnis teils auf eigener Er-
fahrung und mündlicher Ueberliefernng,
teils aus den von ihnen abgeschriebenen
medizinischen Werken antiker Autoren ge-
schöpft wurde. So erhielt schon die
Aebtissin Eadburga im angelsächsischen
Kloster Minster in Kent von des hl. Bo-
nifatins Schüler und Nachfolger Lullns
allerlei Spezereien und Drogen?)

W a l a f r i e d Strabo im Kloster
Fulda besingt in seinem Hortulns, dem
Abt Grimaldns gewidmet, 25 größten-
teils zu arzneilichen Zwecken gezogene
Gewächse. ^) Berühmt ist Hilde-
g a r d, die Aebtissin des Klosters Rup-
pertsberg bei Bingen a. Rh., 1136
bis 1179. Sie halte Abälards4) Rat
an die Nonnen von St. Marcel bei
Chalons, Wundarznei und Heilknnst aus
Barmherzigkeit zu bereiten und zu üben,
befolgt in der Praxis wie in der Theorie.
Sie ist die gefeierte Verfasserin der sprachlich
und kulturhistorisch bedenlsamen Physica
oder Liber Simplicis medicinae?) In

') S. Schelenz, Geschichte der Pharmazie,
1904, S. 181.

2) Schelenz, S. 299; Flückiger, Dokumente
zur Geschichte der Pharmazie, 1876, S. 443 bis
562; 866. Die innere Einrichtung der Apo-
thekcn schildert ein illustriertes Buch der Ver-
gistkunst (Straßburg, 1500).

0) Herausgegeben von Neuß, Würzburg 1834,
s. auch Peters, Der Arzt, S. 47.

4) Ju Abälards Briefen an Heloise (deutsch
Neclam S. 242) wird die Apotheke erwähnt.

8) Schelenz S. 324; Berendes, Pharmazeu-
tische Post, Wien 1894.

ihrer Person wie in ihren Schriften tritt der
eigenartige Zusammenhang klösterlicher
Heilkunde und mystischer Seelenheilung,
wie auf unserem Bilde, schon deutlich
hervor.

Erst seit beut 13. Jahrhundert sind
Apotheken in den Stävten unter deren Auf-
sicht nachweisbar. Das 16. Jahrhundert
bezeugt ein Anwachsen pharmazeutischer In-
dustrie in de» Klöstern, so der Dominikaner in
Santa Maria Rovella in Florenz?)

Auch von A p o t h e ke r i n n e n wird mehr-
fach berichtet, sovoneinerKomleßdeHövre?)
Marie Meurdac u. a?) lieber Frauen als
Apothekerinnen, mehr als gelegentliche
Helferinnen denn als eigentliche Phar-
maziebeflissene nach Schelenz' Ansicht
S. 386) hat das mittelalterliche Schrift-
lnm zahlreiche Belege, z. B. im Wal-
tarieliev legt Hiltgnnd heilenden Ver-
band, vgl. Isolde im Tristan, die Hei-
lerinnen Ereks bei Hartmann von der
Aue, die Königin ui Wolframs von
Eschenbach Parzival, das wilde Weib im
Gudrunliev. Vom Standpunkt der Ge-
schichte wie der Heimalknnst interessiert
uns wohl mehr noch folgendes: Ans einem
Grab st e i n im Chor des 11 lmer dRünsters
befindet sich ein Denkmal, wohl das ein-
zige in seiner Art, das eine Apothe-
kerin verewigt, eine Frau in bürger-
licher Kleidung des 14. Jahrhunderts,
auf einem Hund stehend, hinter dem Kopf
ein Kissen mit dein Wappen der Familie
Ehinger, Um den Grabstein läuft die In-
schrift: anno domini4) MCC CLXXXIII
starb Margareta apotekerin hainczen
winkels lochter an saut Matthevs tag.
Wahrscheinlich war der nicht genannte
Gemahl der Apothekerin ein Angehöriger
der Familie Ehinger. Die große Ge-

>) Schelenz S. 432. Sun Marco in Florenz
hatte ebenfalls eine berühmte Apothek, die heut e
noch besteht und Eigentum der Dominikaner ge-
blieben ist. lieber die Pflege der Medizin bei
den Benediktinern s. Sind, und Mitteilg. B. C.
O. 4 ,1883) 89 ff.

2) Ebenda S. 465.

8l Ebenda S. 515.

4) Sicher falsch (bloß anni aus oni) ergänzt
PeterS, Aus pharm. Vorzeit 1, S. 25. Bgl. auch
die nachträglich erst gefundene Besprechung des
Denkmals in de» Ulmer Münsterblättern 5, 81,
gegen deren Deutung auf eine Apothekersgemahlin
Kornbeck in Württbg. Vierteljnhrsh. 2 (1893),
S. 162. ^
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