Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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Laie», Priester und Dorfpfärrer,

Inden, Zahnbrecher und Lehrer,
Naaßweise Weiber, jung und alt,
Verdorbue Krämer gleicher Gestalt." ')
Der zeitgenössische Prediger Abraham
aSancta Clara schätzt trotz mancher mo-
ralischer Seitenhiebe den Apothekerstand
in seinem mit Abbildungen versehenen
Werk: „Eine kurtze Beschreibung allerlei)
Staudt-, Ambt- und Gewerb-Personen",
Würzburg, 1699, und sagt zum Beweis
dessen, was für unsere Klosterapolhek
von Interesse ist: „Darum auch wohl
zu glauben, daß nicht allein der hl. Aemi-
lius, der hl. Athanasius, der hl. Cyrus,
die bl. Hild egardis ihre sder Apothekers i
Profession getrieben, sondern das; noch
mehrere dergleichen zu finden sein." —
Einblicke in die innere Einrich-
tung, reale Gegenstücke unseres sym-
bolisch ansgesaßten Apothekenbildes ge-
währen alte Holzschnitte und
Kupferstiche des 16. und 17. Jahr-
hunderts?) die teilweise genau mit
unserem Gemälde, der Klosterapothek
von Wittichen, übereinstimmen. Kultur-
geschichtlich interessant sind z. B die vier
verschiedenen Formen der „St and-
ge säße" mit ihren wechselnden Farben.
Zwei Arten derselben finden sich so aus
einem Kupferstich von 1682;3) anbeie
wie die mit dem engen Hals aus Holz-
schnitten von Apotheken von 1548 und
1568 Z und besonders ans der in Peters
kulturgeschichtlicher Monographie wieder-
gegebenen seltenen Abbildung einer Frank-
surler Apotheke des 17. Jahrhunderts?)
Als historisch treues Abbild des gleich-
zeitigen Apothekei weseus erweist sich unser
Witticher Gemälde wie in der Form, so
auch in den Signatur band ern der
einzelnen Gefäße, wie sie in gleicher
Weise besonders zwei Nürnberger Kupfer
des 17. Jahrhunderts im Germanischen
Museum aufweisen?) Dasselbe gilt von

') Schelenz S. 416.

2) Reproduziert zum Teil bei Peters, Ter Arzt
und Aus pharmazeutischer Vorzeit, I. Baud.

3) Peters, Vorzeit 1, S. 94.

J) n. a. O. J, S. 43 u. 45. lieber Gestalt, Mate-
rial und Herstellung der Standgefäße. S. Schelenz
S. 382 u. 471 (Holz, Steingut, Ton, Glas, Zinn,
Fayencefabrikation in Nürnberg seil >6. Fahrh.).
b) Der Arzt S. 104.

°) Peters, Der Arzt, S. 74 u. 75.

Wage und Gewichten, die sowohl
im Rezept genannt als auch im Bilde
dargestellt sind. „Aus pharmazeutischer
Vorzeit" bringt Peters eine solche Gestell-
wage zur Abbildung.') Doch werden in
der allen Nürnberger Apothekerverord-
nnug von 1547 als metallische Gewichte
nur vorgeschrieben : 1 Pfund zu 12 Unzen,
die Unze zu 8 Drachmen, die Drachme
wieder geteilt in 3 Skrupel und der
Skrupel in 20 Gran;3) desgleichen in
Moscheroschs satirischer „Wunderliche ilnd
wahrhafte Geschichte Philanders von
Sittewalt" (1643)?)

Nicht soll in unserer Apotheke das
Rezept fehlen, eine ärztliche Verord-
nung, die hier länger ist als die sonst
den Apothekern eingehändigle. Der Aus-
druck selbst, der wohl zum erstenmal in
Saladins von Ascoli GompeirUium
anomatoriorum aus dem 15. Jahr-
hundert vorkommt/) ist zwar hier nicht ge-
braucht ; ein Faksimile eines Rezeptes ist in
Peters kulturgeschichtlicher Monographie:
Der Arzt S. 105 nach einem im Ger-
manischen Museum besiudlichen Rezeptbuch
reproduziert.

Der einzige Punkt, in dem sich der
Künstler der Klosterapothek eine Ab-
weichung von der traditionellen Apolheken-
einrichtung gestattet hat, ist die Gestalt
des Apothekers. Vor dem gott-
menschlichen Charakter des Heilands mußte
die bis ins kleinste gehende historische
Detaillierung der Apothekersymbolik Halt
machen, und es geschah nur zum Vorteil
des Gemäldes. So strahlt aus dessen
Zentrum das erhabene Bild des Heilands
mit seinen lieblich ernsten Zügen und
überstrahlt die fast verwunderlich auf den
ersten Blick anmulende Umgebung aus
dem Reiche A e s k u l a p s, die sich vor
ihm auf dem Apothekerlisch wie über ihm
auf dem Staudgefäßregal ausbreitet.
Wohl hält noch die Wage in der linken
Hand und das Loffelchen in der Rechten,
aus einem Gefäß mit Kreuzwurz Arznei
auszuwägen bereit — wunderbar fein
sind die Mengen einzelner Krümchen aus-
geprägt vom unbekannten Pinsel — das

') II, S. 62.

2) Peters 1, S. 69.

3) Peters I, 108, Der Arzt S. 75.

4) Schelenz S. 334.
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