Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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Meisters legt noch eine andere, sehr er-
freuliche Wahrnehmung nahe. Wer seine
Bilder in Oberehnheim, das große Wand-
gemälde in der Kirche auf dem St. Odi-
lienberge und dann das neue Gemälde
in Altkirch nacheinander besucht und be-
trachtet, der freut sich, ,;u sehen, wie er
eine immer größere Fähigkeit erwirbt,
auch da noch Leben, Bewegung, wechselnde
Gebilde darzustellen, wo nichts ist als
Luft, aber eben Luft voll verschiedener
Dichtigkeit, .Feuchtigkeit, Farbennuance
u. s. w., und mit dieser Luft die ein-
zelnen Gestalten zu scheiden und doch auch
wieder mit ihrer Umgebung besser zu
verbinoen, als dies ans phototechnischen
Reproduktionen zum Ausdruck kommt.
Das Gute und die Errungenschaften der
Neuen hat er in glücklichster Weise zu
verbinden gewußt mit der Klarheit und
Ehrlichkeit der Allen. Und daß er nicht
der einzige auf unserer Seite ist, der
dies fertig gebracht, das darf uns be-
sonders freuen und weckt sicher auch in
ihm neidlose Freude. Mit besonderer
Freude aber muß es ihn und seine Ver-
ehrer erfüllen, daß die körperlichen Kräfte
dem Fluge des Geistes folgen konnten
und ihm die sofortige Uebernahme eines
neuen Auftrags ermöglichten. Möge ihm
noch ein langes Wirken im Dienste der
Kunst beschiedeu sein und möge ihm
namentlich auch künftig noch öfter Ge-
legenheit werden, sich in beut schönen,
von Gott so reich gesegneten Gau zu be-
tätigen, in dem Erwin v. Steinbach,
Martin Schonganer und außer ihnen
noch so mancher große Unbekannte Un-
sterbliches geschaffen haben.

Die christliche Kunst aus der Aus-
stellung iu München HHI08.

Von Professor Dr. L. Baue, Tübingen.

Die Münchener Ausstellung vom Jahre
1908 war ein Novum, insofern die künst-
lerischen Gesichtspunkte auch für die Unter-
bringung und Ausstellung der ausgestellten
Gegenstälide durchaus vorherrschten. Mau
hat darob dieser Ausstellung die Bedeu-
tung zucrkannt, eine ganz neue Epoche
im Ausstellungswesen eingeleitet zu haben.

aber ist es, daß der christlichen Knust
dabei eine recht beachtenswerte, ja, mau kann
vielleicht sagen: eine relativ hervorragende
Stellung eingeräumt wurde. Es ist als
eine sehr begrüßenswerte Thatsache zu
konstatieren, daß die christliche Kunst nicht
mehr Aschenbrödel ist, sondern daß wirk-
liche Künstler ihr Können wieder in den
Dienst der ar3 sacra stellen. Gewiß!
Man hat nicht ein vollständiges Bild
christlichen Kunstschaffens vor sich: weder
sind alle Arten kirchlicher Kunst vertreten,
und die vorhandenen scheinen fast wie
zufällig da zu sein: so fehlte das

Oelbild, eine Reihe kirchlicher Gerät-
schaften war gar nicht oder nur sehr
spärlich vertreten: für die Paramentik,
für die Goldschmiedekunst u. s. f. war nur
ein sehr beschränkter Raum zur Ver-
fügung: Der Hauptanteil fiel den kirch-
lichen Ausstattungsgegenständen (Altäre»,
Kruzifixen, Chorfenstern, Vortragkreuzen,
Friedhofkunst u. s. w.) zu. Kanzel und
Bänke fehlen.

Auch qualitativ war eine Auslese
getroffen: Es sollten offenbar nur solche
Kunstgegenstände ausgestellt werden, die
selbständig aus modernem Kunstschaffen
heraus entstanden waren. Das weile
Gebiet retrospektiver, nachahmender Kunst-
richtungen, die eine mehr oder weniger
selbständige Verarbeitung von Motiven
älterer Stile anstreben, war ausgeschlossen.
Endlich sind auch nur Münchener bezw,
bayerische Künstler und Firmen vertreten,
mährend die außerbayerischen und außer-
deutschen ganz fehlen. — So kann diese
Abteilung allerdings nicht einen Einblick
in alle Zweige und Richtungen der heutigen
christlichen Kunst vermitteln. Gleichwohl
aber kann sie in vortrefflicher Weise dazu
dienen, über die Tendenzen des modernen
katholischen Kirchenbaues — beim eine
katholische Kirche war hier ansgestellt —
und seiner Schwesterkünste zu unterrichten
und ein Urteil sowohl über ihren gegen-
wärtigen Stand, als über ihren Wert und
ihre etwaigen Zukunflsperspektiven zu er-
möglichen.

1. Die Kirche, an welche sich ans der
einen Seile ein Friedhof mit modernen
christlichen Grabdenkniälern an schließt —
Ob dies ganz zutreffe, entzieht sich unserer ! selbst ein Kolumbarium fehlt nicht —, sollte
Beurteilung. Außerordentlich erfreulich I zeigen, ivie man mit ganz und gar ein-
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