Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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fachen Mitteln künstlerisch Schönes erzielen
kann, und zugleich sollte sie als entsprechen-
der Nahmen für die ausgestellten Werke
moderner kirchlicher Kunst auf der Aus-
stellung dienen. — Der Entwurf und die
künstlerische Leitung wie die Ausführung de-s
Bauwerks (Rabitz) lag in den Händen des
Architekten Will). Spannagel (München).

Es wäre wohl zu wünschen gewesen,
daß (eliva in der Halle) auch andere
moderne Kirchenbauten, sei es im Modell,
sei es in den Entwürfen oder Abbildungen
ausgestellt worden wären, damit das Bild
ein etwas reicheres geworden wäre: etwa
ähnlich wie die neuen Spitäler n. s. w.
in anderen Ausstellnngsränmen.

Die Kirche selbst ist nach einem Haupt-
prinzip moderner Architektur besonders
stark als einheitlicher Raum betont. Auch
der Vorliebe kleinerer, verborgener, stiller
Nebenränme, wie sie mit Recht wieder
mehr Verwendung finden, teils um die
Architektur zu beleben, teils um dein
religiösen Bedürfnis Rechnung zu tragen,
ist durch die drei seitlich anschließenden
Kapellen Genüge getan. Freilich durch
die vielerlei Anbauten wird dann das
Ganze doch stark auseinandergerissen.

Die Chorapsis schließt innen halbrund.
Nach außen ist ein polygonal verlaufender
Nundgang mit kleinen Räumen angelegt,
die teils als Sakristei-, teils als Kapellen-
oder Belräuuie gedacht sein mögen. (Als
Sakristeiräunie wären sie wohl zu klein.)

Die Decke ist tonuengewölbt.

Die Tönung der W a n d ist in ganz
ruhigen Farben gehalten : bis zur Gesims-
höhe dnnkelgra», von da ab weißgrau.

Die Seitenkapelleu befinden sich
nur auf einer Seile und sind auch im
Tone wieder jeweils in besonderer Art
behandelt.

Schon daraus, ivie auch aus den an-
gebanlen Kapellen, Vorhalten u. s. w.
läßt sich eine Grundtendenz der modernen
Bestrebungen aus dein Gebiete der kirch-
lichen Architektur erkennen: Es kommt ihr
einerseits aus eine möglichst einheitliche
geschlossene Raumwirkung an; anderseits
sucht sie unter Wahrung der "Räumlichkeit
nach Möglichkeit durch kleinere Reben-
räume, welche die Raumeinheil nicht ans-
heben, Abwechslung und absondernde und

abgesonderle Gebelsplätzchen zu gewinnen.
— Ganz ansprechend präsentiert sich da
eine freilich zu kleine Taufkapelle und eine
Rundkapelle, von der nachher noch die
Rede sein soll. Darin liegt zweifellos
ein gesunder Gedanke °. Tauf- und Beicht-
kapellen sollten in der Tat womöglich
neben dem Hanptraum und seine Raum-
einheit rhythmisch bewegend angebracht
werden. Es wären sowohl ästhetische als
auch praktische Vorteile damit verknüpft,
die leicht in die Augen springen.—Wir
werden die Gelegenheit benützen, um im
neuen Jahrgang des „Archiv" eingehen-
der über diese Bestrebungen der modernen
Kircheuarchileklnr zu berichten.

Ein Ziveites, was bei diesem Ban und
seinen verschiedenen Räumen ins Ange
fällt, ist eine häufige Verwendung dekora-
tiver Plastik, sei es in Form von kleinen
Friese», oder an ben Kapilälen, oder sonst.
Die Modellierung derselben wurde von
Schülern des Bildhauers Karl Müller
besorgt.

2. Am wirlungSvollsten tritt ans der
Ausstellung der Altarbau, weniger die
eigentliche Plastik hervor. — Ter allge-
meine bei den Altären sich aufdrängende
Eindruck ist der des Massiven, Gewaltigen,
Strengen, Soliden, Einfachen, Archaischen,
Monumentalen. So ist gleich der H o ch-
altar ein gewalligec Steinaltar ans
dunkelgrauem Muschelkalk mit Metallver-
zieruugen und mit Mosaiken (geometrische
Muster) unb Steinen besetztem Melall-
tabernakel. Die Mensa ruht ans dem
zurückgesetzten massiven Slipes einerseits
und vier Vorgesetzten Porphyrsäulen (ohne
Basis) anderseits.

Im Oberbau nimmt der messingene
Tabeinakel die stark betonte Hanptstelle
ein. Erhebt sich ans einem durchbrochenen
Mitlelstück (als Rückfläche) wirkungsvoll
heraus. — Zn beiden Seiten des Taber-
nakels erheben sich mächtige Pilaster, die,
mit einem Querbalken verbunden, nach
oben in einen Halbkreis auslansen.

! — An ihnen sind zwei Reliesfignren
(Heilige) angebracht, und darüber erhebt
sich ein mächtiger Steinkruzifix ns.
Es ist ein ganz in dem archaischen Zug
dieser Kunst gelegener und, wie ich glaube,
sehr lobenswerter Gedanke, daß dieser
Kruzifixus ganz aus der liturgischen Idee
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