Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 103
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Unten hat er die Form eines etwas nach
innen zurückgezogenen Steinstipes, ans
dem eine starke Mensaplatte aufgelegt ist.
— Das Miltelstnck besteht zunächst ans
der Lenchterbank, darüber der steinerne
Tabernakel, mit bronzierten Eisentüren, —
massive Arbeit! — an welchen die beiden
Buchstaben A und „Q prangen. Zn beiden
Seiten des Tabernakels füllen zwei ein-
fache flache Steintafeln den Raum ans.
Nach oben zu ist dieses Mittelstück mit
einem starken ornamentierten Steinarchi-
trav geschlossen, der zugleich als Basis
für das krönende Oberstück dient: —
dieses bildet eine farbige, in einen Nnud-
bogen eingeschlossene Beweinung Christi.
Ich halte dieselbe für eines der schönsten
und wirknngsvollsten plastischen Stücke
der ganzen Ausstellung: der Gesichtsaus-
druck ist wundervoll, die Farbengebung
außerordentlich zart abgetönt: ein gelb-
licher Ton ist wie ein leichter Hauch
darüber geworfen, der sich in alle anderen
Farben einmischt. — Die Behandlung
(besonders der Haare bei dem alten Mann
zu Jesu Füßen) erinnert an spätgotische
Borbilder. Die plastischen Mittel, mit
denen der Künstler hier gearbeitet hat,
sind wieder andere, als auf den vorhin
besprochenen Reliefs.

In derselben Kapelle befindet sich noch
ein geschnitzter Kruzifix ns (Lindenholz)
von Göhriug, der, in Vergleich gebracht
mit dem Krnzifixus des Hanptaltarcs, sehr-
lehrreich erkennen läßt, wie ein und das-
selbe Thema in völlig anderen Formen
sich ansdrücken läßt, und wie zwei total
verschiedene AnffassuiigSweijen, die nicht
etwa bloß in dem verschiedenen Material
ihren Grund haben, dasselbe Thema zu
variieren vermögen. — Dort herrschte die
streng liturgische, typisierende, rein ob-
jektive Behandlnngsweise vor. Hier führt
starkes Empfinden eine erschütternde und
auf den subjektiven Eindruck abzielende
Sprache.

Dieser Krnzifixus fordert, wenn
ich so sagen darf, zu seiner Ergänzung,
den Beter, der zu ihm aufblickt, mit dem
er Zwiesprache halten kann: Der tote,
dorneiigekrönle Christus ist lief herab-
gebeugt, vornübergeneigt, fast als wollte
er herabsteigen, wäre er nicht mit den
Händen an dem Querbalken des Kreuzes

befestigt. Virtuos ist dieses Gemisch von
Tod und Leben wiedergegeben. Mo,-8 et
vita duello conflixere mirando. Dux
vitae mortuus regnat vivus. Es ist
wie ein erschütterndes Jmproperium: Po-
pule meus, quid feci tibi? — Was
einigermaßen — wenigstens bei mir —
einen störenden Eindruck verursacht, ist
die dürftige, badehosenartige Bedeckung.
Sonst aber darf dieses Werk als ein be-
deutendes und tiefempfundenes bezeichnet
werden. (Schluß folgt.)

Line geistliche Apotheke in ^oild
und Wort.

Von Dr. Anton Nägele, Riedlingen a. D.

(Fortsetzung.)

Trotz den in den letzten Jahrzehnten viel-
umstritteuen Fragen nach Typus und
Symbol in der christlichen Kunstgeschichte
ist meines Wissens die nicht seltene, viel-
gestaltige Heilsynibolik in ihrer Entstehung
und Entwicklung des Christusbildes leider
nicht weiter verfolgt worden. Wenn nach
HarnackZ das Christentum in eine „hei-
lungssüchtige" Welt eingetreten ist, und
der Umstand, daß die neue Religion
Heilung versprach und brachte und tu
dieser Eigenschaft alle Religionen über-
strahlte, ihrer Ausbreitung besonders förder-
lich war, so haben sicherlich die neueren
Bestreitililgeu des typologischen Charakters
altchristlicher Heilwnnderdarstellnngen we-
nig Berechtigung;^) es hat sicherlich die
symbolische Anffassnng derHeilungswnuder
Christi ihre U e b e r t r a g u u g aufHei -
lnugen geistiger Art ihren Nieder-
schlag wie nachweisbar in der Lite-
ratur 3j auch in der Kunst in Bilveru
des wundertätigen Arztes für Krankheiten
des Leibes und der Seele gefunden. „In
dem Heiland, welcher auf Erden Kranke
geheilt, schuf die Kunst die eisten Elemente
des christlichen Bilderkreises", erklärt der
gelehrte, von den Suevi Berolinenses
verehrte Vertreter der christlichen Archäo-
logie an der Berliner Universität,

st) Medizinisches aus der ältesten Üirchenge-
schichte, Texte und Untersuchungen 8 (1892),
S. 132.

-) Vgl. z. B. Hennecke, Altchristl. Malerei und
altkirchl. Literatur I89ti.

s) Nachweise aus der altchristlichen Literatur
folgen unten.
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