Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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Nikolaus Müller, in der Nealeuzyklo-
pädie für prolestautische Theologie ^
unter begründeter Polemik gegen die Ab-
leitung des altchristlichen Heilandsprolo-
typs vom Heilgott Asklepios seitens
mancher Theologen und Philologen?)
So dürfen mir überzengt sein, daß auch
frühere Jahrhunderte ans den, sei es
realen, sei es typischen Abbildungen des
Heilandes, der alle Gebrechen des Leibes
nnd der Seele heilen und vom Tode er-
retten kann, Trost und Kraft und Ver-
trauen in ihren Nöten geschöpft haben.
Für die modernste Kunst verweise ich nur
auf das viel verbreitete „Christus als
Arzt" von Gabriel Max in der Berliner
Nationalgalerie. Immerhin ist mir trotz
allen Snchens und auch Anfragens bei
Auktoiitäteu der Kunstgeschichte und Theo-
logie 3) weder für den Text noch für die
bildliche Darstellung eine ähnliche spezia-
lisierte und so originell dnrchgesührte
Symbolik der Scelenheilnug, der A rzuei -
mittel der Seelenapotheke, be-
kannt geworden.

Von einem überraschend ähnlichen
Gegenstück, und zwar ausschließlich nur
für den figürlichen Schmuck der Kloster-
apotheke freue ich mich, nähere Mit-
teilung machen zu können. Aus einem
allen Ravensburg er Hause (Pfleg-
haar) ist vor Jahren ein Oelgemälde,
freilich von geringerer künstlerischer Aus-
führung, in den Besitz des Herrn Apothekeis
Zeller in Wolfegg übergegangen,
dessen Güte ich die folgende Beschreibung
verdanke.

Eine Angabe über Ort und Zeit seiner
Entstehung findet sich auf der merkwür-
digen Parallele unserer „Witlicher Kioster-
apothek" nicht. Das Bild ist ca. 1,25 m
hoch und ca. l m breit und stellt eine
alleingerichlete Apotheke vor, i» der im
Vordergrund Christus als Apotheker in

') 3 (1898), S. 80.

a) z. B. Holtzmliim, Zur Entwicklung des
Christusbildes in der Kunst (Jahrb. f. prot. Theol.
10 (1884), S. 71— 136); Schnitze, Untergang des
griechisch-römischen Heidentums IL (1893), <S. 70.

^ 3) Auch P. Stephan Beissel, dein an dieser
Stelle besonderer Dank gesagt sei, konnte mich !
nur auf Emblemate und einige Heiligenbildchen !
dieser Richtung verweisen, auf das Bild der hl. I
Arztpatrone Kosmas und Damian an der Kloster-
apotheke der Dominikaner in Florenz.

j sitzender Stellung sich befindet. In
der linken Hand hält er eine kleine
A p o t h e k e r h a n d w a g e, mit der rechten
legt er in die Wage einen abzuwägenden
Gegenstand, aus einer dauebeustehenden
Büchse entnommen. Für die Genauig-
keit oder Strenge der Abwägung sprechen
Gesichtsausdruck und Körperstellung des
Heilandes. Neben Christus sitzt ein
Engel, der an einem kleinen Pulte mit
einer Kielfeder in der Hand schreibt,
wohl nach Herrn Zellers Vermutung ein
Rezept nach Christo Angabe. In den
Lüften schwebt ein Engel vom Himmel
kommend, begleitet von zwei weiteren
Himmelsboten, mit einem Körbchen in
. der Hand, das er, mit Pflanzen, Blu-
men i>. a. gefüllt, seinem Herrn zur
Arzneibereitnng bringen will, Apotheker
und Publikum zugleich Sirachs Weis-
heitsspruch wohl in Erinnerung zu bringen:
Oeris vocavit de terra medicamenta
et vir prudens non abhorrebit illis.

Das Innere enthält die gewöhnliche
Ausstattung einer Apotheke: auf Nepo-
s i t o r i e u stehen S t a n d g e f ä ß e
(Büchsen) aus Holz, jedes einzelne signiert
mit einer Tugend, wie Glaube, Hoff-
nung, Liebe, Gnade, Barmherzigkeit,
Demut, Trost, Gerechtigkeit, Milde, Ge-
duld, Sanftmut, Gottesfurcht, Stärke,
Mäßigkeit, Gebet, Keuschheit. Neben
dem Arbeitstische befindet sich ein großer
Mörser zum Zerkleinern der Pflanzen
und an der Seite des Tisches ein
Arzneistandgesäß (Flasche), signiert mit
Aqua vitae, eine Bezeichnung, die
in älteren Apotheken als „Elixier ad
vitam longam" lange ihr Dasein ge-
fristet. Eine Inschrift trägt das Bild
nicht, jedoch ist auch so die allegorische
Bebeulung dieses merkwürdigen Analogons
zu unserem Witlicher Gemälde sicher-
gestellt. Verwandtschaft und Unterschiede
zwischen der Klosterapotheke von Witticheu
und der geistlichen Schloßapotheke von
Wolfegg mag des Lesers Interesse selbst
leicht aus obiger Beschreibung seststelleu.

Bild und Wort in der geistlichen
Apotheke rufen also laut nach Aufklärung
über das Dunkel ihres Ursprungs.
Woher sollte die eigenartige Joee dieser
medizinischen Allegoristik stammen? Ihre
Wurzeln nur, nicht die zahlreichen Veräste-
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