Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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lungen und Verzweigungen, sind bis jetzt
aus dem Boden der Kunst vergangener
Jahrhunderte nachgewiesen. Sicherer nach-
weisbar sind die Spuren der in
dem langen Text nnter dem Gemälde
ausgedrückten Medizinellen Gedankensym-
bolik. Ein merkwürdiger Kommentar zu
unserem Bilde! Ist schon die Länge
der Inschrift, ein kleines Kompendium
der ganzen christlichen Heilslehre, Selten-
heit auf Werken der bildenden Kunst, so
erregt noch mehr unsere Verwunderung
ihr Inhalt: ein ganzes Rezept für Be-
reitnng und Anwendung der mancherlei
geistigen Arzneien unserer Seelenapothek.
Fast wie rätselhaftes, runenhaftes Gerede
in den Segenssprüchen und Zauber-
formeln der Alchimie und Mantik muten
uns des Seelenheilknndigen mystische
Weisungen an. Zweifellos hat hier
Mystik die Kunst inspiriert, ist nicht um-
gekehrt der Text eine Emanation des
Bildes. Noch nicht lange her ist es, seit
die kunsthistorische Forschung angefangen
hat, dem Einfluß literarischer
Quellen auf künstlerische Werke nach-
zugehen. Für die A n t i k e hat es die
Meisterhand Overbecks getan Z nach
dem Vorgang des Altmeisters der klassi-
schen Archäologie an der Münchener Uni-
versität, Thiersch;^) für die alt-
christliche Kunst neuesten» Edgar
H e ii 11 e cl e in seinem Werk: „Altchrist-
liche Malerei und allkirchliche Literatur",
Leipzig 1896, und Ficker: „Die Be-
deutung der altchristlichen Dichtungen für
die Bildwerke; gesammelte Studien zur
Kunstgeschichte", 1885. Für das Mittel-
alter hat Panofk a Dichterstetleu und
Bildwerk in ihren wechselseitigen Be-
ziehungen untersucht; desgleichenSp r in g e r
die Quellen der Kunstdarstellungeu im
Mittelalter in Bearbeitung genommen?)
In allerletzter Zeit hat der Freiburger
Professor Panzer Beiträge zur Knust
und Mystik in einem Vortrag auf der

>) Die aiüike» Schriftquellen zur Geschichte
der bildenden Künste bei den Griechen, Leipzig
1868.

2) Dissertatio, qua probatur veterum
poetarum carminibus optime explicari,
München 1835.

8) Berichte über die Verhnndl. der k. säch-
sischen Gesellschaft der Wissensch., Leipzig, phil.-
hist. Kl. 31 st879).

Philologenversammlung in Halle geliefert,
wie es scheint vor allem über Wechsel-
wirkung zwischen mittelalterlicher Poesie
und Kunst. Auch der verewigte Mo ne
hat in der langen Kritik von Detzels
Ikonographie in vielen Nunnnern des
„Diözesanarchivs fürSchwaben", 1898 ff.,
das Studium der Patristik und Mystik
als unerläßliche Bedingung knnstgeschicht-
lichen Verstehens und Forschens hin-
gestellt.

Eine andere Seile gegenseitiger Beein-
flussung von Kunst und Poesie zeigt
P. Weber ans in seinem Werk: „Geist-
liches Schauspiel und kirchliche Kunst in
ihrem Verhältnis, erläutert an einer
Ikonographie derKirche undderSynagoge",
Stuttgart 1894.

So ist noch immer Text und Il-
lustration unserer geistlichen Apotheke eine
wundersame Blüte ans dem Garten der
Mystik, auf dessen Boden besonders die
medizinische Auffassung des Christentums
und seiner Heilswahrheiten erwachsen ist.
Gepflegt und großgezogen und bis in die
seltsamsten Verästelungen des einen, wohl-
begründeten Hauptgedankens von Jesus
als Arzt und seinen Gnadenmitteln und
Tugenden als Arzneimittel ausgedehnt,
erscheint diese Idee auf unserem Gemälde
und seiner Unterschrift. Die Ue b e rs ch r i f t
zum Ganzen: „Ein guetle, köstliche Arznei
für allerlei) Kranckheiten Deiner Seel und
Deines Leib's" faßt all die Spezialia
zusammen, die für jede einzelne Seele
und Seelenkrankheit geboten werden. Der
Wortlaut möge oben S. 81 nachgesehen
werden. Verrät auch manches Heilmittel
jenes Rezeptes am Fuß der Klosterapotheke
zu sehr den Geschmack einer übelberufenen
„A p o t h e k e r 1 h e o l o g i e", so ist doch die
Grundauffassung des katholischen Christen-
tums in der Inschrift nicht undogmatisch,
vom d o g m e n g e s ch i ch t l i ch e n Stand-
punkt aus sicher nicht belanglos. Sie reizt zu
Nachforschungen in der homiletischen und
aszetischen Literatur früherer Jahrhunderte.

Dort den Spuren der Allegorie des Wit-
licher Bildes und Bildtextes nachzugehen,
hat mit der Hoffnung, vielleicht in einer
Mystikerhandschrist oder einem Devotions-
buch ein Analogon zu finden, auch
P. 23eifiel in einer schriftlichen Aeuße-
rnng über mein Bild als lohnende Auf-
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