Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

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Altertums, heidnischen I wie christ-
lichen 2J, wie in den D ich t nn g en deS
Mittelalters^) und der Neuzeit,
profanen 4) und religiösen 5), eine Stelle
gefunden hat. Desgleichen ist das ärzt-
liche Bild der Erlösung und des EUösers
ein locus communis in der älteren wie
neueren und neuesten Predigtlite-
ratur°) und klingt aus Hunderten von
E rbauungsbü chern I, ja selbst Ro-
manen^), schon aus den Titeln heraus.
Gerade die neuere kriIische Theo-
logie, die den Glauben an die gött-
liche 'Natur Christi ansgegeben hat, hält
die Vorstellung von der heilenden Tätig-
keit Jesu als Arzt für Leib und Seele
fest?) Kirchliche Autorisation erhalten
die Begriffe Arzt und Arznei, Krankheit
und Heilung im übertragenen Sinn durch
die offizielle Sprache der Kirche in Mis-
sale und Brevier. Die heilige
Eucharistie wird in zahlreichen Orationen
wie auch ans unserem Gemälde 10) und
zuerst wohl bei Ignatius (ipä^/^axov
ud-avaaiag) als medela, medicina,

') Z. B. Hora; Ep. 1, 133, vgl. dazu Kieß-
lings Parallelen und Weymann, Philologus 58
(1896), S. 466.

а) Z. B. Damasus, Prudentius u. a.

3) Heinrich von Meißen nennt die Mut-
ter Gottes eine mit Aromat gezierte Apotheke;
nach Schelenz S. 385 „scheint dies ver erste, später
noch viel gebrauchte Vergleich pharmazeutischer
mit religiösen Dingen". S. Chrysostomus nennt
(Nom Lolo88. g, 1) die Bibel eine Ilpothekc
mit reichen geistlichen Arzneien.

4) Schubart im „Zauberhain", s. Schillerjahr-
buch 1905. S. 970 eine ganz ansgeführte Alle-
gorie seines Wirkens unter dem Bild des Arztes.

5) Schöne Stellen bei Angelus Silesins
Cherub. Wandersmann, z. B. N. 7, 9, 21, 36,
91, 106, 177.

б) Z. B. Hermann v. Sachsenheims
(f 1458) Allegorie „Jesus der himmlisch Arzat"
in Wackernagels Altdeutsche» Predigten >876,
S. 194.

7) Ich erinnere an die vielen geistlichen Haus-
apotheken, Seelenarzneien, Stärkende Tropfen,
Angensalben, geistliche Heilserum n. a.

°) Z. B. Will), v. Hillern: Ein Arzt der Seele.

®) Vgl. Oberrhein. Pastoralbl. 5 (1903), S.313.
lieber Bilder aus der medizinischen Sphäre, s.
Pohlenz, Zeitschr. f. wissensch. Theol. 48 (1905),
S. 76. Eine. Menge von Werken der reli-
giösen Polemik aus dem 16.—18. Jahr-
hundert, deren Titel vorliegen, tragen auch
ähnliche allegorische Ueberschriflen.

“) Ein ganzes Buch: Medicus eucharistico-
augustajius oder göttl. augspurgischer Arzt
schrieb 1699 ein ?. M. Eschenloher.

vemedium gefeiert, desgleichen das
heilige Kreuz, das Fasten, das Gebet,
die anderen Sakramente mit den aus der
medizinischen Sphäre genommenen Aus-
drücken bezeichnet?)

Der Geistessphäre unserer Bildinschrift
führt immer näher ein in einem Rari-
tätenkatalog entdecktes altes Werk nils
der Menge polemischer Schriften des
17. und 18. Jahrhunderts?) die mit
Vorliebe breitdetaillierte medizinische Alle-
gorien und Symbole auf ihrem Schilde
schon führen, so eine Appendix Thera-
peutica, die für gleich drei Wochen,
nicht wie unser Rezept nur für Tage,
das consilium medicurn reicht, eine
geistliche Apotheke mit einer Masse von
Seelenheilmitteln aus der Pflanzensym-
bvlik, ähnlich der A p o t h e c a spi-
ritualiumpha r maco r u m con-
tra Irrem, Antwerpen 1626. Deul
A u g e n t r o st von unserer Klosterapotheke
entspricht die von einem Franziskaner P. I.
Schwendiman gereichte geistige Augensalbe,
Collyrium Caecorum ex puris-
simc sanguine Mariae, operatum Spi-
ritu sancto et Patre caelesti appro-
batum, factum Nazarethi, „Ernrah-
nnngs- unD Büßpredigten", Konstanz 1607.

Nach Ursprung, Art und Zeit ver-
wandt zeigt sich ein interessantes Pen-
dant zu unserem Witticher Klosterbild
bezw. wenigstens zum Bildepigramm, auf
das ich durch glücklichen Zufall auf-
merksam wurde. Die Ktosterapotheke
erhält ein Seitenstück aus einem schwäbi-
schen Kloster in dem Porträt des
Klosterarzt.es Pr. Jbl, das aus
dem 1171 gegründeten, 1802 aufgeho-
benen Prämonstratenserstist Obermarchtal
stammt und jetzt im Besitze des Herrn
Landgerichtsrats. Mühleisen in Ellwangen
sich befindet. Es stellt das in Oel ge-
malte Brustbild eines älteren, etwa fünfzig-
jährigen, in Amtsrobe gekleideten Kloster-
arztes dar, dessen Name fast auf ironische
oder allegorische Fassung schließen lassen
möchte, wie noch mehr die Porträt-
inschriften. In der rechten Hand hält

') Vgl. Oberrhein. Pastoralbl. a. a.O.'S. 347 f.
2) U. a. z. B. Baradinus, Geistlich Artzney
für Ketzergifft und jetziger Zeit böse Lufft.
München 1600.
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