Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 26.1908

Seite: 128
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man nicht zu strenge sein nnd darf auch
nicht vergessen, daß gar oft die Ramnver-
hältnisse ein Wörllein mitsprechen wollen,
daß das, was zur Darstellnng gelangen
soll, im Chor nicht znr Darstellung ge-
bracht werden kann, nnd ähnliches. Allein
ganz sollte die Symbolik doch nicht über-
sehen werden; auch dürfte es in manchen
Fällen gar nicht gering anznschlagen fein,
daß die Symbolik die Frage lösen hilft,
was man am Plafond des Chores oder
im Chor selbst und was man im Schiffe
malen lassen soll.— Diesen Winken sei noch
ein anderer znr Begleitung mitgegeben.

(Fortsetzung folgt.)

Literatur.

Der Tab ern a f el ein fl und jetzt. Eine
historische nnd liturgische Untersuchung
der Andacht rur ausbewahrten Eucharistie
von Felix R a i b l e, weiland Pfarrer i»
Glatt (Hohenzollern). Aus dein Nachlass
des Verfassers heraiisgegebe» von Dr.
E. Krebs. Mit 14 Tafeln Uiid 53 Ab-
bildungen iai Text. Freibiirg (Herder)
1908. — XXII nnd 336 S. — Preis
6 Mt. 60 Pf.

Es ist schade, daß der ehrwürdige, ebenso
fromme und pflichteifrige, als durch wissenschaft-
liches Streben ausgezeichnete Geistliche, der dieses
Buch verfaßte, sein Erscheinen nicht mehr erleben
durste. Ein junger Gelehrter, dem der Verstor-
bene noch sein besonderes Vertrauen geschenkt
halte, durfte die liebe Gabe als letzten Gruß
des Pfarrherrn von Glatt dem Klerus in die
Hand geben.

Die liebenswürdige, fromme, bescheidene und
dabei wissenschaftlich gediegene Art, die den
Manil selbst charakterisier!e, bildet auch den Vor-
zug seines Buches. Aus einer i. I. 1890 iin
Freiburger Kirchenblatt veröffentlichten Studie
„Der Tabernakel" herausgewachsen, behandelt
die vorliegende Schrift das „Gotteszelt" in der
katholischen Kirche zugleich mit der praktische»
Tendenz, Winke für Erstellung neuer Taber-
nakel zu gebe» und Stoff zu bieten für eucha-
ristische Predigten und Christenlehren.

Anlaß zu dem Werke gab dem Verfasser die
Notwendigkeit, einen neuen Tabernakel für seine
Pfarrkirche Herstellen zu lassen. Mit der ihm
eigenen Gründlichkeit und seinem feinen zarten
Sinn für die kirchlichen Vorschriften begann er
seine Aufgabe durch eindringliches Studium über
die Geschichte und die Vorschriften der Aufbe-
wahrung der hl. Eucharistie einzuleiten. So ent-
stand dieses Buch. Es ist die Frucht mehr als
zehnjähriger Arbeit.

Raible behandelt in einem ersten Teil die
Bedeutung der Eucharistie für die alte Kirche,
die Arkandisziplin und Aufbewahrungsort in der

frühchristliche».Zeit. $m zweiten Lei! stellt
er die verschiedene» im Mittelalter gebräuchlichen
Arten der Aufbewahrung der hl. Eucharistie und
zivar im ganzen Mittelalter vom. 8. bis 16.
Jhdt. dar.

Der dritte Teil endlich bieiet die Geschichte
des neuzeitlichen Tabernakels. Daran schließen
sich noch die kirchlichen Vorschriften über den
Tabernakel als Aufbeivahrungsort und Aus-
setzungsort des Allerheiligsten und einige Finger-
zeige für den Bau des Tabernakels.

Aus den praktische» Zwecke», welche der Ver-
fasser verfolgte, erklärt sich die etivas breit aus-
gesponnene Einführung in die Lehre der ältesten
Kirche über das Wesen der Eucharistie, in den
Gebrauch, Liebe und Verehrung der Eucharistie
bei den ersten Christen. — Nicht in allem mochte
ich den Beweisgängen des Verfassers volle Kraft
zuerkennen: So hinsichtlich der Visitatio 88.
Sacramenti in der ältesten Zeit. — Erst die
Ambrosius- und Gregoriusstelle (S. 35 f.) können
als Beweise verwertet werden.

Die Ableitung des christlichen Gotteshauses
aus der jüdischen Synagoge — ein Gedanke des
seligen Haneberg — muß für judenchristliche
Gemeinden als möglich zugegeben werden. —

Der Verfasser sieht in den Pastophorien die
ältesten Aufbewahrungsorte der hl. Eucharistie.
Die Sitte, das Sakrament aufzubewahren, leitet
er zurück bis in die Apostelzeit. In den Pasto-
phorien selbst diente ein Schrank mit der Pixis,
oder später eucharistische Türme, die eucharistische
Taube, in der »achkonstantischen Zeit Wand-
tabernakel als Aufbewahrungsort. (Der erste
bekannte Wandtabernakel reicht ins fünfte Jahr-
hundert zurück.) — Für die Aufbewahrung in
Privathäusern iverde» Haustabernalel nachge-
wiesen; für die Uebertragung nach Hause diente
das dominicale (Linnentüchlein), später feste
(hölzerne) Gefäße, vielleicht auch das Eilkolpinm
oder Pektorale; für Reisen Leinen, Büchsen,
Kapseln, später eigene Reisetabernakel.

Eine schärfere kritische Scheidung der Berichte
und Quellen hätte in diesem Abschnitt noch an-
gestrebt werden müssen und auch ihre Gruppie-
rung wäre besser nach bestimmten chronologischen
und vielleicht auch, wo es möglich war, geogra-
phischen Gesichtspunkten getroffen worden. — Die
Ausführungen über die Beziehungen der abend-
ländischen zur morgenländischen Liturgie müssen
nach dem heutige» Stand der Forschung, um
ivelche sich besonders Or. Baumstark verdient
gemacht hat, umgearbeitet werden.

(Sine recht eindringliche und selbständige Studie
repräsentiert der Abschnitt über die missa prae-
sanctificatorum.

Der zweite Teil über den Tabernakel ini
Mittelalter gibt Aufschluß über die eucharistische»
Tauben, eucharistische» Türme, hängenden Taber-
nakel, Wandtabernakel, Altartabernakel u. s. iv.

Möge das mit soviel warmer Liebe nnd aus-
gebreiteten Kenntnissen geschriebene, gehaltvolle
Buch in die Prwat-Bibliothek jedes Geistlichen
seinen Weg finden!

Tübingen. L. Baur.

Stuttgnrt, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches VolkdiilotN
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