Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 3
DOI Heft: 10.11588/diglit.15942.2
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15942.3
DOI Seite: 10.11588/diglit.15942#0011
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1909/0011
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
machen nicht nur in der entsprechenden
Auswahl der Bilder, sondern in viel in-
timerer Weise in der gangen Raumstim-
mung, in der Belichtung und in hundert
andern Dingen, die man nicht definieren
und als bestimmte Forderung erheben
kann, aber deren Fehlen sich sofort für
jeden feiner Empfindenden geltend macht.
— Gnrlitt schreibt in seinem neuen
Werke „Kirchen", Stuttgart (Kröner)
1906, L>. 42: „Wenn der Wunsch laut
wird, mau solle einer lutherischen oder
katholischen Kirche ausehen, daß sie dem
betreffenden Bekenntnis als Stätte der
Anbetung dienen, so geschieht dies nicht
im Wunsch, Zwiespältigkeiten zur Schau
zu stellen: Es ist nicht Haß gegen

die Kleiderschränke oder Waffenschränke,
wenn ich an meinen Tischler die An-
forderung stelle, mein Bücherschrank solle
als solcher kennbar gemacht werden und
anders ausseheu als eben mein Kleider- j
schrank. Daß jedem Ding sein künst-
lerisches Recht werde, ist eine gewiß be-
rechtigte und für unsere Zeit besonders
bezeichnende Forderung. Und das Recht
besteht eben darin, daß es als Ganzes
und in jedem seiner Teile deutlich als
das erkannt werde, was es ist. Je mehr
dies gelingt, desto höher wird es an
künstlerischem Wert steigen."

Das katholische Kirchengebäude ist vor
allem Gotteshaus, tabernaculum
Dei cum hominibus, das protestantische
ist Gemeinde- und Versammlungshaus,
in welchem eine Gliederung nach Klerus
und Laien keine Berechtigung hat und
ein eigener Altarraum nicht motiviert er-
scheint. —• Das katholische Gotteshaus
ist Opfer- und G e b e t s st ä t t e und
Stätte derLehrverkündigilng zu- J
gleich. — Ein Architekt, eine neue Bau-
weise, die allen diesen Momenten nicht in
gebührender Weise Rechnung trügen, wären
nicht an ihrem Platze. Das Gotteshaus
muß aus der Brasse der profanen Häuser-
banten heraustreten und durch Material,
durch Form und Gestalt seine höhere
Zweckmäßigkeit verraten: Wo man in
der Forderung, daß die Kirchenbaulen
sich der Umgebung, anzupassen habe»,
so weit geht, daß man der Kirche den
nüchternen, profanen Charakter eines
Bürger- oder Bauernhauses gibt, ent-

j spricht sie nicht der Idee vom katholischen
. Gotteshaus.

Für diese kommt nun zunächst einmal
in Betracht die Symbolik. Hat die
Kirche auch keine Detnilgesetze für die
Kirchenarchilektur erlassen, so hat sie doch
eine seit den ersten christlichen Jahr-
hunderten festgehaltene und durch die lange
Reihe von Jahrhunderten vertiefte, durch
ihre Weihegebete geheiligte Symbolik
des Kirchengebäudes geschaffen,
welche ihre tiefe Auffassung vom katho-
lischen Golteshause und feinen Beziehungen
zum Glaubens- und Gebelsleben der
Christen bekunden. In seinem recht lesens-
werten Buche „Die Symbolik des
Kirchengebäudes" (Freiburg 1902)
nennt Or. I. Sauer als symbolische
Auffassungen des Kirchengebäudes in der
patristischen und mittelalterlichen Zeit.:
Die m a t e r i e l l e K i r ch e i st durchaus
ein Abbild der großen geistigen
Kirche. Dieser Gedanke läßt sich nicht
nur bis in die älteste Zeit hinauf ver-
folgen, sondern beachtenswert ist auch die
von Sauer eigens hervorgehobene Tat-
sache, daß „bei diesem Wechselverhältnis
stets die geistige Kirche der zuerst zur
Symbolik drängende und an das Gottes-
haus von diesen neuaeschaffenen Attri-
buten abgebende Begriff ist" (S. 100).
Das ist nun insbesondere dadurch für
die Ausgestaltung des Kirchenbaues von
Wert, daß die hierarchische Gliederung
der Kirche in Klerus und Laientum und
ihre entsprechend verschiedene Anteilnahme
an der Liturgie auch im Kirchenbau selbst,
in der deutlichen Unterscheidung
eines Chorbaues und eines Schiffs
zum Ausdruck kommen. Ein Kirchenban,
der aui diese bauliche Scheidung keine
Rücksicht nähme, könnte nicht als katho-
lischer Kirchenbau bezeichnet und höchstens
als allerprimilivster Notbau angesehen
werden. Freilich ist damit nicht gesagt,
daß der Chor einer kleinen Landkirche
mit nur einem einzigen Geistlichen die
Dimensionen des Chores einer Kathedrale
haben müßte. Aber die Scheidung
des Kult raum es mit dem Altar
u n d d e m t r e m e n d u m my s t e r i u m
von dem 31(1111» der Gläubigen
ist dem katholischen Kirchenbau
w e s e n l l i ch. (Fortsetzung folgt.)
loading ...