Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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begonnen jedenfalls nach 670 (Einfall der
Hunnen), ferliggestellt vor 739, in welchem
Jahr »ach de» Annalen die Klosteranlage
mit drei Kirchen vollendet wurde. Ein ge-
naues Studium der Taufende von Bruch-
stücken, die ausgehoben, gesammelt, sortiert,
teilweise zusammengesetzt, abgezeichnet und
photographiert wurden, gestattet eine ideale
Rekonstruktion des Gotteshauses, das durch
wenige schmale, ruudbogig geschlossene und
in beträchtlicher Höhe gelegene Fensterchen
sein Licht erhielt.

Nicht weniger als 13 Kisten wurden
mit den aufgefundenen Ueberresten eines
Mosaikbodens der Kirche gefüllt. Ihre
Innenwände waren vom Boden bis zur
flachen Holzdecke mit Stuck verkleidet und
größtenteils al fresco bemalte lebens-
große, in Relief hervortretende Heiligen-
figuren zierten das Langhaus. Fragmente
von über 70 Köpfen hochaltertümlichen
Aussehens, ohne Zweifel aus frühkaro-
lingischer Zeit, wurden gefunden; ihre
Polychromierung war im Augenblick der
Ausgrabung noch vollständig frisch. Auch
Figuren kleineren Maßstabs, wohl Kinder
darstellend, von denen mehrere Köpfchen,
Händchen und Füßchen erhallen sind, be-
fanden sich unter den Bildern. Stückel-
berg erinnert daran, daß die Darstellung
des bethlehemitischen Kindermords zum
frühmittelalterlichen Bilderkreis gehörte
und die Verehrung der unschuldigen Kinder
gerade von den irisch-fränkischen Glanbens-
bolen gefördert worden sei 0.

Auch verschiedene Einzelheiten der Dar-
stellung weisen auf die allirische Kunst
hin, deren Spuren in Disentis, dessen
Stifter ein Ire war, ja nicht befremden
können. Sicherlich sind in der Folgezeit
wie zum Grab des hl. Gallus so auch
zu dem St. Sigberts manche irische Lands-
leute gekommen; vielleicht haben Insassen
fränkisch-irischer Klöster selbst au Bau und
Schmuck der Disentiser Klosterkirchen sich
betätigt2).

Au Architekturfragmeuten sind solche
von Waudbekleidungen, Bögen, Säulen
und ihren Basamenten, auch einzelne voll-
ständige Kapitäle erhalten: alles in allem
ein neues Zeugnis dafür, daß schon in

0 I. c. S. 233.

2) Rah», 1. c. Nr. 351.

karolingischer Zeit der innere Anblick der
Kirchen reich und bunt gewesen sein muß.
Die architektonischen wie die dekorativen
Ueberreste sind nach Stückelberg x) in vielen
Beziehungen ganz einzigartig in der Schweiz
wie in Europa überhaupt, so daß ihre
Behandlung neue Kapitel in die Kunst-
geschichte des frühen Mittelalters einfügt.

Zweifellos das wichtigste und inter-
essanteste Ergebnis der Ausgrabungen ist
die K r y p t a, die sich unter dieser Marlins-
kirche fand.

Da dieselbe südwestlich unter dem Fuß-
boden der Kirche liegt, muß sie einer noch
älteren Anlage angehören und gibt so,
die Tradition bestätigend, von einem
Kirchenbau vor 670 unanfechtbares Zeug-
nis. Die Ansichten über die ursprüngliche
Anlage der Krypta sind vorerst noch geteilt.

Nach Stückelberg 2) gelangte man auf
einer in der nordöstlichen Ecke der Kirche
gelegenenSteintreppe zur halbkreisförmigen,
völlig geschlossenen Gruft, die ohne Zweifel
die Reliquien der Hl. Sigbert und Plazidus
enthielt 3). Rings um dieselbe führte ein
schmaler Gang, der nur durch ein kleines
rundbogiges, die äußere östliche Mauer
der Kirche durchbrechendes Fenster Licht
empfing. Gerade gegenüber diesem befand
sich die fenestella confessionis, eine
Oeffnung, die den Gläubigen, die bei den
Reliquien ihre Andacht verrichten wollten,
durch die Mauer einen Einblick in die
Gruftkammer ermöglichte. In unbekannter
Zeit ist der Abstieg zur Krypta durch eine
senkrechte Bruchsteinmauer verschlossen und
die Treppe zugeschüttel worden. Auch der
ringförmige Gang wurde später ausgefüllt
und nur ein Fensterchen oder besser gesagt
ein Kanal, der das äußere Fenster mit der
fenestella der Gruft verband, wurde
offen gelassen — alles vielleicht, um in
gefährlicher Zeit bloß Eingeweihten die
Lage der hl. Gräber kenntlich zu machen.

Krypten dieses ältesten Typus tfi»D be-
kanntlich unter der Apsis der St. Peters-
kirche in Rom und auf schweizerischem
Boden unter der Thebäerkuche und der
St. Sigismundiskirche in St. Maurice

*) 1. c. S. 233; vgl. auch Beilage zur „Allgem.
Zeitung" 1906, Nr. 238 (S. 93).

2) 1. c. S. 231 ff.

3) Nach Rahn (1. c. Nr. 350) war sie ehedem
durch eine später vermauerte Türe zugänglich.
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