Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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und der alten Luciuskirche in Chur ge-
funden worden. Aber diese Krypten sind
nur zuni Teil und nicht in unberührtem
Zustand erhalten; in Chur führt auch
bereits vom Scheitel der Ringkrypta ein
Gang zur Kammer. Der neue Fund
würde also, wenn Stückelberg recht be-
hielte , nicht nur die kurze Reihe der
bekannten Kryptenbeispiele um ein wohl-
erhaltenes Denkmal vermehren, sondern
noch eine in der Schweiz bisher nicht
beobachtete altertümliche und höchst seltene
Varietät bieten *).

Auch Rahn, der nach Stückelberg im
August und September 1907 die Aus-
grabungsstätte studierte, hält die auf-
gefundene Krypta für den ältesten Teil
der klösterlichen Anlage, bestreitet aber,
daß darin eine ringförmige Krypta
erkannt werden könne ^). Nach ihm ist der
Kern der aufgefundenen Konfessto, d. h.
die Apsis, welche die innere Mauer in
Form eines Halbkreises mit geradlinig
verlängerten Schenkeln umschließt, älter
als deren übrige Teile und ursprünglich
wohl frei gestanden, also ä niveau mit
dem äußeren Boden, sei es für sich allein
oder als kleines Chörlein mit einem Schiff
verbunden. Das wäre die erste Stätte
gewesen, wo man St. Plazidus und nach
ihm St. Sigbert beigesetzt. 663 erst,
als nach der Tradition die Erhebung
und Übertragung der hl. Gebeine an
eine würdigere Ruhestätte erfolgte, wäre
in Verbindung mit der Errichtung einer
Oberkirche die ursprüngliche Kapelle zur
Krypta ausgebaut worden. Die gegen
den westlichen Qnergang hin jetzt vor-
handene doppelte Vermauerung der Grab-
kammer hätte den Zweck gehabt, als
Substruklion für einen in der Kirche
darüber befindlichen Aufbau (sei es Altar
oder Kenotaph) zu dienen.

Noch sind die Ausgrabungen gerade au
dieser interessantesten Stelle nicht beendigt.
Verschüttet sind noch die südliche Fort-
setzung des Quergangs und zwei von der
Krypta ausgehende Räume, eine östliche
Kammer und ein Korridor, der in süd-
westlicher Richtung abzweigt. Ob man
in dem ersteren Anbau der Gruft eine

') 1. c. S. 230.

2) 1. c. Nr. 350. I

weitere Grabstätte zu erblicken habe, ähnlich
wie bei der Luciuskrypta in Chur, der
Emmeramskrypta in Regensburg und der
um 830 vollendeten Ludgernskrypta in
Werden an der Ruhr, wird erst festzu-
stellen sein fi.

Größte Beachtung verdient jedenfalls
schon jetzt die Tatsache, daß die Aus-
grabungsresullate die vielangezweifelte
Klosterlradition in wichtigen Punkten glän-
zend bestätigt haben — ein weiterer
Beweis dafür, daß man zuweilen gut
daran tut, uralten im Volk oder in einer
Kommunität ununterbrochen fortlebenden
Ueberlieferungen Glauben beizumessen,
auch wenn sie nicht niehr durch Pergament
und Siegel verbürgt werden können.
„Disentis," sagt Rahn^), „hat alles
Geschriebene verloren, nur die Steine
reden, aber ihre Sprache ist offenbar."^)

Meister Ronrad Witz von Rottweil.

Von Garnisonspfarrer Es fing er, Ulm.

In den letzten Jahren sind in der
Geschichte der alten schwäbischen Malerei
manche wertvolle Entdeckungen gemacht
worden, wodurch unsere bisherigen Kennt-
nisse über die Frühzeit schwäbischer Kunst
wesentlich bereichert worden sind. So
ist durch urkundlichen Nachweis der be-
rühmte Slerzinger Altar aus der Mitte
des 15. Jahrhunderts dem Ulmer Künstler
Hans Malischer zugewiesen worden und
dadurch die Ulnrer Malerschule um ein
volles Menschenalter mit einem datierten
Werk hinaufgerückt. Durch eine glückliche
Erwerbung — richtiger Schenkung —
kam das Kaiser - Friedrich - Museum in
Berlin in den Besitz von Mnltscherschen
Bildern mit der Jahreszahl 1437, die
einst der Galerie Waldburg-Wurzach an-
gehörten. Ein weiterer schwäbischer
Meister: K o n r a d Witz von N o 1 t -
iv e i l ist durch Daniel Burckhardt in der
„Festschrift zum 400. Jahrestag des

1) lieber alle drei vgl. Effmanu in der Düssel-
dorfer Zeitschrift für christl. Kunst 1895, S. 396,
380 ff.

-) 1. c. Nr. 351.

3) Den neuesten Fundbericht erstattet Rahn im
„Anzeiger für schweizerische Altertumskunde" 'Nr. 5,
X. Band 1908, S. 35 ff. <Vgl. auch Stückel-
berg im schweizer. Archiv f. Volkskunde, Baud XI
104 ff.
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