Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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Verfasser in seiner trefflichen Arbeit: „Die bel-
gischen Jesuitenkirchen". Es handelt sich um
ungefähr 80 Kirchen, die von ca. 1570—1750
für belgische Jesuitenkollegien gebaut oder wenig-
stens geplant wurden, so z. B. in Tournai,
Vnlenciemes, Mont, Gent, Lille, Luxemburg,
Arras, St. Omer, Löwen, Courtrai, Cambrai,
Douai. Briisfel, Brügge, Nainur, Lüttich, Ant-
werpen, Aper», Mecheln. Sie zerfallen in zwei
große Gruppen, gotische und Barockkirchen. Erstere
— 13 an der Zahl — zerfallen wieder in drei
Untergruppen, je nachdem sie in den Zierformen
sich mehr an den gotischen Stil oder die Re-
naissance anlehnen; der Aufbau, das System,
das Baugerippe ist bei sämtlichen Kirchen dieser
Gruppe noch völlig gotisch. Es sind meistens
Werke der beiden Laienbrüder Heinrich Grei-
maker und Johannes du Bloeq. Besonders die
Werke des ersteren zeigen für diese späte Zeit
(die letzten Jahrzehnte des 16. und die ersten
Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts!) noch auffal-
lend reine gotische Formen, „so daß man sie
um hundert Jahre weiter hinauf datieren würde,
wenn man nicht das Datum ihrer Erbauung
kannte".

Die übrigen Kirchen gehören dem Barock an,
aber, mit Ausnahme einer einzigen, der Kirche
von Douai, nicht dem römischen Barock nach dem
Muster des Gesu in Nom, sondern dem belgischen
Barock. Diese Barockkirchen der belgischen Ordens-
provinzen sind, abgesehen von der Kollegskirche
zu Douai, „eigenartige Schöpfungen, Zwitter-
wesen, in denen die Eigentümlichkeiten zweier
wesentlich verschiedener Stilperioden zusammen-
geflossen sind, eine allerdings nach festen Prin-
zipien vollzogene Mischung von Gotik und Re-
naissance, ein Kompromiß zwischen alteinheimi-
scher Bautradition und eiiiPN von auswärts ein-
geführten, durch Prachtentfaltung alle Welt be-
zaubernden Stile".

Hier stößt einem unwillkürlich die Frage auf:
„Woher kommt das auffallend lange, zähe Fest-
halten an den alten gotischen Formen und Bau-
prinzipien? Denn auch bei den Kirchen der
zweiten Gruppe ist „alles nur ein Barockkleid,
welches der Ban angezogen hat, das System der
Grundrißdisposition und des Aufbaus hält un-
entwegt an den alten Traditionen fest". Der
Verfasser gibt zwei Gründe an. „Das mächtige
Pfeilersystem, der schwerfällige Aufbau, die ein-
tönige Weiträumigkeit und die lastende Wucht
der Gewölbeanlage des römischen Barocks sagte
dem an einen graziösen Rhythmus schlanker
Säulenreihe», an einen flotten Aufstieg, an
Durchsichtigkeit, Wechsel und Leichtigkeit des Auf-
bans gewöhnten belgischen Geschmack zu wenig
zu, als daß man sich hätte entschließen können,
den neuen Stil unverändert zu adoptieren."
S. 191. Der andere Grund liegt nach dem
Verfasser in dem mächtigen Eindruck, den „die
bedeutenden Kathedralen, Stifts- und Kloster-
kirchen aus dem Mittelalter, mit denen das Land
wie besät und mit denen inan von Kindheit an
vertraut geworden war", auch auf die späteren
Generationen machten. — Damit ist meiner An-
sicht nach vieles, aber nicht alles erklärt. Deutsch-
land, besonders Süddeutschland war gewiß auch
nicht arm an herrlichen gotischen Domen, Stifts-

und Klosterkirchen und doch wird z. B. die
Münchener Jesuitenkirche, die jetzige Michaels-
hofkirche, 1583—97 in deutscher Renaissance ge-
baut ohne eine Spur von gotischen Reminis-
zenzen, und im Jahre 1610 wird der Dom zu
Salzburg in rein-italienischem Barock erbaut;
während man um diese Zeit in Belgien noch
gotisch baute und gotische Einflüsse sich hier noch
bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts Nach-
weisen lassen. Süddeutschland liegt eben Italien
viel näher als Belgien, der Verkehr zwischen
Oberitalien und den süddeutschen Städten war
ein viel regerer und lebhafterer als zwischen
Oberitalien und Belgien und deshalb war auch
Süddentschland auf dem Gebiet der Kunst ita-
lienischen Einflüssen viel mehr ausgesetzt als
Belgien. — Ein anderer Faktor, der hier wesent-
lich in Betracht komm!, ist der 30jährige Krieg,
in dem Deutschland ja Unsägliches zu leiden
hatte, durch den die deutsche einheimische Kunst
in Blut und Ruinen erstickt wurde, durch die
jede Kunsttradilion gewaltsam durchschnitten
wurde, so daß nach Beendigung des Krieges kein
Ankuüpjungspunkt an die alte Kunst, kein Sinn
und Verständnis mehr für dieselbe da war und
man notgedrungen bei Fremde», zunächst bei den
Italienern in die Schule gehet! mußte. Ganz
anders lagen die Verhältnisse in den Nieder-
lanven, die vom 30jährigen Krieg nicht so hart
mitgenommen wurden, ivo also auch die Kunst-
tradilion eine mehr kontinuierliche war.

Wie die belgischen Jesuitenkirche» zeigen, hatten
die Jesuiten keinen besonderen „Jesuitenstil",
wie er in vielen Köpfen noch spukt, und es ist
ein Verdiettst des Verfassers, daß er hoffentlich
ein für allemal mit diesem Phaulasiegebilde auf-
geräumt hat. Die Jesuiten waren in ihren
Kirchenbauten eben Kinder ihrer Zeit, sie bauten
in dem Stil, der im betreffenden Lande gerade
Mode war, also in Belgien zuerst gotisch, dann
in dem obengenannten Mischstil von Gotik und
Renaissance und zuletzt im sog. belgischen
Barockstil, der aber durchaus nichts spezifisch
„Jesuitisches" ist, da nlich sonst manche Kirchen
in Belgien diesem Stil angehören. In Anbetracht
dessen wirkt geradezu komisch» >vas Gurlitt in
seiner „Geschichte des Barockstils, des Rokoko und
des Klassizismus in Belgien, Holland, Frankreich
und England" über die bauliche Tätigkeit der
belgischen Jesuiten sich zusammenreimt. „Die
Belgier," so schreibt Gurlitt, „und namentlich die
belgischen Jesuiten, sind die ersten, welche ältere
Kirchen in modernem Stil „restaurieren"

. ... Die Männer der Gegenreformation (d. i.
die Jesuiten) ivaren bestrebt, mit dem Vorher-
gegangenen, der Zeit der Ketzerei zu brechen,
indem sie der niederländischen Spätgotik und
Frührenaissance das Recht des Bestehens nb-
sprachen und an die italienische 'Renaissance au-
knüpften. Ihnen mußten die Werke ves Jahr-
hundert» der Reformation . . . verhaßt
sein, nicht nur weil sie nach Ketzer ei schmeckten,
sondern auch weil sie gotisch, d. )h. im Linue
der Renaissance) barbarisch, roh und formlos
waren. . . . Der durch die Jesuiten Belgiens er-
iveckte nationale Katholizismus fand die Kunst,
aus alten Ruinen neues Leben blühen zu machen
.dazu zu verwenden, dem mittelalterlichen
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