Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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des Verkehrs mit der Welt an ihm hängen
geblieben sein sollte, dieselbe mit den
Tränen tiefer Andacht nnd mit de» Haaren
der Betrachtung weg- nnd abznwischeu"
(Offenbar Magdalenaerinnerungen). Dieser
einsame Ort ivar Campo Sampiero, 19 km
von Padna, henle Station von Padna
nach Bassano. Tort hatte ihm ein adeliger
Freund ein rnhiges Plätzchen angeboten,
imb zwar baute er ihm ein Zelt oder eine
Hütte auf einem mächtigen, breitästigen
Nnßbanm, ein Motiv, das Mandach in
seinem bemerkenswerten Werk „Saint
Antoine de Padoue et Part italien“,
Paris 1899, in mehreren Bildern sinnreich
vorsührt.

Als „honigreiche Biene" „apis argu-
mentosa“ war Anton dort mit der
Aszese, wie oben angedentet, vielleicht auch
mit der Niederschrift seiner Predigten
beschäftigt. Es scheint aber, daß Anton
schon früher leidend gewesen ist; luenigstens
berichtet die vita prima x), der wir einen
großen Teil dieser Daten entnehmen, daß
er schon früher einen bedenklichen Asthma-
anfall hatte, wie sie herzleidende nnd
korpnlenle Personen so gern bekommen.
Alan darf nämlich — nnd das wäre ein
kleiner Beitrag znr Ikonographie des
Heiligen — die Gestalt des Antonius
sich nicht so vorstellen, wie sie uns heut-
zutage so oft im Bild entgegentritt: ein
junger, schmächtiger, dünner Mönch mit
schlaffen, süßlichen, fast energielosen Zügen,
nur mit dem Anschanen bezw. Liebkosen
des Jesnsknaben beschäftigt (so auch Mu-
rillo) — als ob das seine Haupt-
beschäftigung gewesen wäre. Vielmehr
scheint Anton eine ganz energische, ja
ritterliche Gestalt gewesen zu sein, was
auch ans den Nachrichten über die gewal-
tige, erschütternde, ja niederschmetternde
Art seines Predigtvortrags hervorgeht.
Der junge Mönch, der uns in den Schau-
fenstern der Devotionaliengeschäfte, ans
manchen Altären und Antoniusbrotkästen
so oft entgegenlritt, kann nicht der An-
tonins sei», von dem es in der vita 1
(s. oben) L. 10. nach Jsaias 41. 15 heißt:
als Prediger war er wie „ein Dresch-

') Leon de Kerval, Sancti Antonii
de Padua vitae duae, quarum altera hucus-
que ir.edita, Paris 1904 (Fischbacher, Sabatiers
Sammlung).

wagen, der scharfe Zähne hat, der Berge
zermalmt und die Hügel wie zu Stanbi
macht." —

Zudem, und das gehörte auch znr
Ikonographie des Heiligen, war Antonius
auch körperlich nicht die schwächliche, über-
mäßig zarte Figur, sondern er war, wie alte
Berichte dartun, „naturali quadarn cor-,

! pulentia pressus“, d. h. er Ult unter einer
Art natürlicher Leibesstärke; wenigstens be-
richtet unter anderm auch der „Dialogus
de vitis sanctorum fratrum mino-
rum", höchst wahrscheinlich verfaßt 1245
von dem Generalminister Creszentius oder
unter seinerLeitnug (Ausgabe von Lemmeus,
Nom 1902), daß Antonius unter Leibes-
stärke litt und fast unnuterbrocheu kränk-
lich war (Loirtirrua aegrotatione labo-
rabat). Also in Campo Sampiero war
es, wo er bei der Mahlzeit eine Schwäche
bekommt — die Brüder fühlen es wohl,
daß sein Zustand bedenklich ist, mau spannt
ein, um ihn nach Padua ad locum Sanctae
Mariae zu fahren; man kommt jedoch nur
noch bis Cella vor den Toren Paduas in
den Konvent der Minderbrüder. Hier
hatte er starke Anfälle von Bangigkeiten,
dann spielt sich die vielbestrittene Szene
mit der heiligen Oelnng ab, noch einmal
erhebt er seine Stimme zum Hymnus au
Maria:

O gloriosa virginum

„Excelsa“ super sidera.

(Urban VIII und Brevier „sublimis“
inter sidera; Dialogus: ,,0 gloriosa
domina, excelsa super sidera“.) Dann
spricht er: „video dominum meum“
und unter dem Abbeten der Bußpsalmen
entschläft er saust.

Nun tritt eine Szene ein, wie sie in
jenem Jahrhundert öfters sich ereignete —
der Kampf um Reliquien und um die
sterblichen Ueberreste eines Heiligen. Schon
den Leib des hl. Franz mußte mau
raplim hinter die Mauern Assisis bergen;
mau fürchtete Perugia. Aehnlich hier.
Alles will ihn; die Brüder der Konvents,
die Dominae, d. h. die Klarissinuen, nicht
zum wenigsten aber die Bürger der Vor-
stadt; sie erscheinen bewaffnet, stürmen
den Konvent der Minderbrüder, stehen
aber am Eingang wie von unsichtbarer
Macht geblendet, wie gebannt und können
nicht eiudringeu. Endlich erscheint der
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