Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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zeit machen, so auch bei dem sogeiiaunteu
„Meister von Schloß Lichlenstein", von
dem ein Tod Mariens mit großer Leucht-
krast der Farben in Stuttgart ausgestellt
war. Ferner ist allen Bildern gemeinsam
die sorgfältige Durchbildung der Einzel-
heiten. Der Faltenwurf ist einfach und
großzügig, so insbesondere an der schönen
Apostelgestalt des Bartholomäus, dessen
großzügige Manier Bnrckhardt an die
Figur des Paulus ans Dürers Apostelbild er-
innerte. Dagegen
darf nicht über-
sehen werden, daß
die meisten Figu-
ren inBasel etwas
Schwer fälliges in
Haltung und Be-
wegung an sich
haben; die kurzen
gedrungenen Fi-
guren sind alle
nach demselben
Typus gebildet,
der Eindruck des
Monotonen ist
nicht zu leugnen.

Die Fähigkeit,
eine Ranmmir-
kung zu erzielen,
ist bei den Basler
Bildern sehr ge-
ring; nur dieDar-
stellung des Chri-
stophorus und das
Joachini - Bild
machen eine Aus-
nahme. Hier sehen
wiranfdemerste-
ren bei Witz schon
den Sinn und die Ko nrad Witz, St. B
Fähigkeit, das

Wasser naturgetreu wiederzugeben, und die
Luftperspektive gelingt ihm besser als seinen
Zeitgenossen. In der Darstellung der
goldenen Pforte sodann ist bereits ein
schöner Anfang richtiger Raumperspektive
gemacht, worin Witz später so Großes
leistete.

In den Basler Bildern haben mir die
erste Entwicklungsstufe des male-
rischen Schaffens und Könnens unseres
Landsmannes; alles ist selbsterworben
und eigenartig, ohne nachweisbare Ab-

hängigkeit von fremden Einflüssen. Die
scharfe Modellierung dieser Gestalten und
die Ausarbeitung bis in die kleinsten Ein-
zelheiten zeigt, daß dem Meister vielmehr
plastische Kunstwerke als Flächenmalerei zum
Vorbild dienten. „Die Basler Altarbilder,"
sagt Schmarsow, „zeigen Zusammenhang
mit der Steinsknlptur. Der starre Schnitt
aller Gesichter und ihre großflächige Be-
handlung verraten, daß der Hinblick aus
bemalte Steinsknlptnren von diesem Schrot
und Korn das
Entscheidende ge-,
wesen sei. Die ge-
drungenen Ver-
hältnisse der
Mehrzahl dieser
Gestalten bestäti-
gen solche Her-
kunft aus Bur-
gund." (Abhand-
lungen der philo-
sophisch - histori-
schen Klasse der
Kgl. Sächsischen
Gesellschaft der
Wissenschaften
Bd. II, 1903,
S. 15.) Uebri-
genshatleKonrad
Witz Gelegenheit,
in seiner Vater-
stadt Rottweil
treffliche Skulp-
turen zu studieren
am Turme der
sogen. Kapellen-
kirche, Werke, die
zu den besten
Leistungenschwä-
arthoIo»läus (Basel). bischer Frühkunst

gehören.

i Einen Schritt weiter in der Enlwick-
j lung sehen wir Konrad Witz auf einem
j kleinen (50 cm hohen) Bilde in dem Museo
s Nazionale in Neapel, das bisher bem
' Hieronymus Bosch (1470—1530) aus
Herzogenbusch zugeschrieben und erst von
Ä. Bayersdorfer als Arbeit von Konrad
Witz erkannt wurde. Das Bild zeigt
den Blick in eine romanische Kirche —
das Basler Münster —, im Vordergrund
die heilige Familie mit Barbara und
Katharina. Mit sichtlicher Freude hat
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