Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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der Meister sich an diese Raumgestaltung
mit nicht geringen perspektivischen Schwie-
rigkeiten gemacht und sogar schon Proben
der Freilichtmalerei uns gegeben, indem
er nns durch eine offene Seitentüre einen
Blick werfen läßt ans eine sonnige Gasse,
in der Hobe Häuser scharfe Schlagschatten
werfen. Dieser Zug ist in der aber-
deutschen Malerei neu und hat nur ein
Seitenstück in der Tafel der Verhindiguug
vom Sterzinger Altar (1456), wo die
Behandlung bes durch das Fenster ein-
fallendeir Lichtes einen hohen Grad feiner
Raturbeobachtniig aufweist.

Ein ganz ähnliches Motiv behandelt
Witz nochmals auf einem Tafelbild, das
sich im städtischen Museum in Straß -
bürg befindet (1,61 m hoch, 1,30 irr
breit). Es öffnet sich der Blick in eine
lange, gewölbte Halle, ähnlich einem
Krenzgang, vorn links mit einem schmalen
Rebenraum, in dem sich ein Altar mit
dem Bilde der Kreuzigung befindet; am
Ende der Halle öffnet sich der Blick ins
Freie, ans eine Gasse. Dem Beschauer
zunächst sitzen in der Halle Maria Magda-
lena und Katharina, in Betrachtung ver-
sunken; links sitzt Magdalena, in der
Linken das Salbengefäß, den Blick zum
Himmel gerichtet, in ein einfaches grünes
Wollkleid gehüllt; ihr gegenüber sitzt
Katharina mit fürstlichem Schmuck, eine
Perlenkrone ans dem Haupt, in ein rotes
Samtgewand gekleidet, in einein Buche
lesend. Das rote Prachlgewand ist in
eine üppige Fülle schwerer Falten hinge-
gossen, wie kaum ans einem anderen Bilve
dieser Zeit. Köstlich sind die Sonnen-
strahlen in dem langen Gange, die den
Gegenständen den Schein plastischer Wirk-
lichkeit verleihen. Außerordentlich male-
risch wirkt sodann auf diesem Straßburger
Bild der Ausblick aus die sonnige Gasse,
ans der sich ein Stück Basler Straßen-
lebens zur Zeit des Konzils abspielt. In
einem Laden hält ein Maler und Bild-
hauer seine Kunstwerke feil, ein Geist-
licher unterhandelt mit ihm; ans der
Gasse begrüßen sich elegante Spazier-
gänger, ein Geistlicher im Talar geht
vorüber, ein Knabe tunnnelt sein Stecken-
pferd und iu einer kleinen Wasserpfütze —
ein Beweis für die scharfe Beobachtungs-
gabe des Meisters — spiegelt sich das

Bild eines Vorübergehenden. Von diesem
reizenden Bilde des Meisters Witz sind Ver-
vielfältigungen auch im Postkartenformat in
Straßburg zu haben. (Forts, folgt.)

Katholische Kirchenkunst und
moderne Kunst.

E i n z e l f r a g e n. (A r ch i l e k t u r.)
Von Prof. Or. Ludwig Baur, Tübingen.

Motto: „Das Hans, das
ich bauen will, ist groß; denn
groß ist unser Gott iiber alle
Götter. Wer ist imstande, ihm
ein würdiges Haus zu bauen ?"

(Il Chr. 2, 5 f.)

(Fortsetzung.)

II. Einige ästhetische Fragen.

Die Symbolik der christlichen Kirche
lehnt sich hauptsächlich an den Bau des
Salomonischen Tempels an, je-
doch hauptsächlich, um die Struktur des
geistigen Goltesbaues in den Herzen der
Gläubigen daraus abzuleiten. — Noch mehr
aber wirkte für die Auffassung des katho-
lischen Gotteshauses ein das Bild der
G o t t e s st a d t, des himmlischen
Jerusalem, die uns in der Apoka-
lypse geschildert istJ). Hieronymus sagt
wiederholt: daß dieses himmlische Jeru-
salem das Bild der Kirche sei: »Sciat
Jerusalem in Scripturis sanctis semper
typum habere Ecclesiae.«z) Das Bild
ist der Kirche von den allerältesten Zeiten
an geläufig und hat durch die Aufnahme
in den Ritus der Kircyweihe seine Sanktion
erhalte». — Diese symbolische Auffassung
ist insbesondere für die Ausstattung der
Kirche, für die Anbringung der Engel-
chöre, für die Darstellung der mit dem
Herrn zu Gericht sitzenden Apostel u. dgl.
maßgebend geworden. Sie heißt den
Kirchenranm so ansgestalten und aus-
statten, daß Himmelsstimmnng uns um-
fängt: »Nostra conversatio in coelis
est.« Darauf muß der Architekt achten.

Aber auch der S a l o m o n i s ch e
Tempel als Vorbild der christlichen
. Kirche hat den baulichen Charakter der
letzteren mitbestimmen helfen: und die
mittelaltellichen Symboliker haben dem

0 Vgl. Auber, Histoire et th6orie du
Symbolisme chrdtien II, 350—390.
i *) Hierony m u s, de §ophou., c. 3.
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