Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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Gedanken durchaus richtig Ausdruck ver-
liehe»: »Ab utroque, seil, a taber-
naculo et a templo nostra materialis
ecclesia form am sumpsit,«r) was wieder
hauptsächlich iu der Zweiteilung zum Aus-
druck kommt.

Indes auch die Einteilung des basilikalen
Langhauses in drei Schiffe, die An-
bringung von drei Türen wird schon in
den apostolischen Konstitutionen iu Zu-
sammenhang gebracht mit derallerheiligsteu
Dreifaltigkeit.

Nun ist wahr, daß sich die Sym-
bolik hauptsächlich auf bestimmte Ein-
zelheiten bezieht, während sie auf das
Ganze des Kirchengebäudes einen nennens-
werten Einfluß nicht oder kaum ausgeübt hat
bezw. ihr meist erst nachgefolgt ist. Gleich-
wohl bleibt bestehen, daß das Symbol
des himmlischen Jerusalem, der beata
pacis visio, die Gruudauffassung vom
katholischen Kirchenbau wiedergibt und
darum auch aus dem Bauwerk heraus-
klingeu muß.

Auch die Ostung der Kirche hat offen-
bar symbolische Gründe, die vom Archi-
tekten nach Möglichkeit berücksichtigt werden
sollen. Ohne Grund sollte von dieser
uralten Regel nicht abgegangen werden,
die nun allerdings vielfach nicht einge-
hakten wird. Es liegt ihr der Ge-
danke zu Grunde, daß der Betende
sich der aufsteigenden Sonne zuwenden
solle, welche ein Symbol Jesu Christi ist,
ferner daß das Christentum, vom Stand-
punkt des Abendlandes angesehen, von
Osten kam: ex Oriente lux.

Endlich hängt die Ausgestaltung oer
Kirche in Kreuzes form ebenfalls mit
symbolischen Gedanken au das Kreuz
Christi zusammen, jedoch ohne daß sie als
eonclitio sine quä non des katholischen
Kirchenbaues angesehen werden könnte.

2. In nicht weniger bedeutsamer Weise
influiert die Liturgie und damit der
praktische Zweck auf die Ausgestaltung
der katholischen Kirchenbauten. Der Kirchen-
architekt muß notwendigerweise mit dem
Charakter, den Formen und Bedürfnissen
der katholischen Liturgie durchaus ver-
traut sein. Wir können Gurlitt nur recht

0 Vgl. die Nachweise bei Sauer, a. a. O.
S. 107, Amu. 2.

geben, wenn er sagt: „Die Liturgie ist
Bauherr bei Errichtung eines Gottes-
hauses. Und wie der Bauherr eines
Wohnhauses das gute Recht hat, au den
Architekten bestintmle Wünsche und For-
derungen zu stellen; wie es Zeichen eines
guten Architekten ist, wenn es ihm ge-
lingt, diesen Forderungen und Bedürf-
nissen künstlerischen Ausdruck zu geben,
so hat der Baumeister eines Gotteshauses
die Aufgabe, die Forderungen der Liturgie
in künstlerische Form zu bringen."

Die ganze Geschichte der christlichen
Architektur lehrt diese Zusammenhänge:
die Ausgestaltung des besonderen Altar-
und Priesterraumes gegenüber dem Raum
für die Gläubigen, die Aussonderung
der ydArcu, cantores, Sänger, die An-
lage von Krypten und Uuterkirchen, von
Chorumgängen u. dgl. hängt mit der
Liturgie zusammen. Aber damit kommen
wir auf eine grundsätzliche ästhetische
Frage, auf den großen Streit, der die
theoreusierenden Aesthetiker in zwei Lager
spaltet: ob die Architektur nur eine die-
nende, unfreie, uulergeordneteKnnstindustrie
sei oder aber eine wahre, selbständige, mit
den übrigen gleichberechtigte Kunst. — Es
hängt damit die uns eigentlich hier allein
interessierende Süeitsrage nach dem Ver-
hältnis von Zweck und Schönheit bezw.
Zweck und Architektur zusammen. Prak-
tisch gestaltet sich denn die Fragestellung
so: ob uiib inwieweit Zwecke, die außer-
halb der Architektur als reiner Kunst
liegen, auf sie bestimmend eiuwirkeu können.

E. v. Hartmauu*) bejaht für die
Architektur diese Verbindung von Zweck
und Schönheit, ja er macht sie ganz und
gar zu Zweckbauten. „Ein Bauwerk ist
dazu da, um gebraucht zu werden; ja,
seine inhaltliche Schönheit beginnt erst
mit dem Zweckmäßigeil. Das Werk ist
umso schöner, je mehr es im ganzen und
iu allen einzelnen Teilen die , Grund-
gedanken seines Zwecks erkennen läßt."

Es kann nicht zweifelhaft sein, daß die
Baukunst als solche aus dem rein prak-
tischen, alltäglichen Bedürfnis hervor-
gewachseu ist. Solange sie diesen rein
praktischen Zweck allein berücksichtigt und
ihre Durchführung lediglich von dem Ge-

') Philosophie des Schönen. Leipzig 1687.
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