Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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danken an ihre Brauchbarkeit beherrscht ist,
kommt ihr der Charakter der Kunst noch
nicht zu: sie sieht noch ganz ans der Stufe
mechanischer handmerklicher Betätigung;
sie ist aufs alterengste mit dem Stoff
verbunden. — Wie wird sie zur Kunst?
Offenbar dadurch, daß sich das künstlerische
sormgebende Gestallungsvermögen über
den reinen Nutzzweck und die Bestim-
mung der Form Über reine Brauchbarkeit
emporhebt und die schöne Form selbst an-
strebt. Dies schließt nun aber nicht die
ganz extreme Forderung ein, daß der Bau,
um schon zu sein, zwecklos sein, von jeder
Berbindnng mit einem Bedürfnis los-
gelöst sein müsse. Das wäre eine wider-
sinnige Forderung. Sie wäre schlechter-
dings nicht durchführbar, da die Anfor-
derungen des Lebens stets mächtiger sind als
Theorien. Es ist nur das behauptet, daß die
architektonischen Formen nicht lediglich das
praktische Bedürfnis nackt und bloßgelegt
därstellen. Das wird umsomehr der Fall
sein müssen, je höher die Bestimmung,
je höher und geistiger das Bedürfnis ist,
dem der Bau zu dienen hat. Mit Recht
sagt Karl Scheffler: „Die Baukunst
ist in ihrem größeren, wenn auch nicht
wichtigeren Teil im Gegensatz zu den
anderen Künsten eine angewandte Kunst.
Sie dient abwechselnd beiden Arten von
Zweckmäßigkeit, der einer nüchternen Nütz-
lichkeit und der einer idealen Erkennlnis-
kraft," oder — wie Scheffler sich anders-
wo nicht übel ansdückl, „dem Zwecksinn
des idealen Erkenntniswillens
Es ist meiner Ueberzeugnng nach zu
wenig und nur eine Seite der Sache
betont, wenn Lange in seinem großen
Werke über „Das Wesen der Kunst"
als ästhetische Faktoren nur Illusion und
Einfühlung gellen läßt: „die Kraft oder
Bewegungsillnsion in den Bangliedern,"
die er auch im sprachlichen Ausdruck
gewährleistet sieht, wonach die Säule
„trägt", das Gesims „hervortritt", die
Decke „überdacht" usw. Umgekehrt entsteht
dann der Gegensatz des Schönen durch
den Widerspruch gegen die Illusion des
Tragens, Spaunens, Hervorlretens usw.,
mit einem Wort, „der Funktion", die wir

B) Karl Scheffler, Moderne Baukunst.
Berlin 1907, S. 1.

ihnen zuweisen. — Allein darüber hinaus
kommt doch noch sehr wescntlich ein Weiteres
in Betracht: Es ist das, was Nüßlin
im „Jahrbuch der Aesthetik" (2.A.S.169 f.)
einmal so treffend sagt: „Die. Form wirb
erst schön durch den Gedanken, der sie
belebt. Nur da ist Kunst, wo Ideen sind.
Jedem Gebäude muß eine Idee zugrunde
liegen und in der Form desselben sinnlich
vernehmbar werden. Zu dem Geiste spricht
nur der Geist und die Form wirkt nur
insofern auf ihn, als sie ihm einen inneren
Geist offenbart, der irgendwie in unserer
Seele eine Saite anschlügt, die ihm mit
Bewunderung, Liebe, Entzücken entgegen-
schwingt." — In der Tat muß der Zweck
gleichsam als Geistes- und Lebensprinzip
über einen! Bauwerk walten. — Ihm
werden auch die Gestaltungsformen —
nicht zwar im einzelnen, wohl aber in
ihrem allgemeinen Charakter — vielleicht
nenne ich es am besten ihren Slimmungs-
charakler, sich anschließen müssen. — Eine
Störung in diesem Verhältnis, ein Gegen-
satz zwischen Zweck und Form wird gerade
beim Bauwerk besonders störend auch
in die ästhetische Bewertung einfließen.

Wir mögen es betrachten wie wir wollen,
geschichtlich oder ästhetisch: die Zweckrück-
sicht, den Hinweis auf die praktischen
Bedürfnisse, denen das Bauwerk zu dienen
hat, können wir nicht beiseite schieben.
Damit aber ist zugleich die grundsätzliche
Notwendigkeit gegeben, daß der Architekt
voin liturgischen Zweck ausgehen muß
und nach ihm seinen künstlerischen Ent-
wurf zu gestalten hat.

Das scheint nun auf eine Vergewaltigung
des künstlerischen Empfindens hinnus-
znführen. Wir müssen zngeben, daß es
praktische Zwecke geben kann, oder daß
solche einem Bauwerk geradezu aufoklrorffert
werden können, die eine künstlerische Be-
handlung, wenn nicht direkt unmöglich
machen, so doch bedeutend . erschweren.
Das trifft nun beim katholischen Gotteshaus,
wo es sich um einen seit Jahrhunderten
geschlossenen Kreis liturgisch notwendiger
Forderungen handelt, der schon vieltausend-
mal feine glückliche künstlerische Bewäl-
tigung fand, nicht zu. Und der Kreis
derjenigen Zweckbestimmungen bezw. Er-
fordernisse, die über die streng liturgische
Zweckbestimmung hinausgehen, ist klein,
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