Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 22
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und stellt Erfordernisse dar, deren künst-
lerische Bewältigung einem geschickten
Architekten nicht unmöglich sind. Dahin
gehören: die Ausgestaltung der Sakristei,
Heizanlagen, Beleuchtungsanlagen, Ver-'
biudnng von Kirche und Pfarrhaus, Ver-
bindung eines besonderen Paramenten-
raumes oder eines Versammlungsraumes
für Sitzungen des Kirchenstiftuugsrats
mit der Sakristei (Obergeschoß) u. dgl.
— Man kann in der Hauptsache G urlitt
beistimmeu, wenn er schreibt: „Ein Archi-
tekt kann sich berufen fühlen, eine ihm zu
künstlerischer Ausgestaltung ungeeignet er-
scheinende liturgische Forderung zu be-
känipfen, auf die Schwierigkeiten, ja Un-
möglichkeit der Ausgestaltung dieser hinzu-
weisen. Aber die Liturgie soll sich im
allgemeinen nicht nach der Baukunst, son-
dern diese sich nach der Liturgie richten.
Bei den verschiedenen Konfessionen ist die
Möglichkeit für den Architekten, reforma-
torisch auf die Liturgie zu wirken, nicht die
gleiche, da diese hier mehr, dort weniger
in feste Gesetze gekleidet ist. Bei den
evangelischen Kircheugemeinschaften....
wird dies leichter sein als bei den katho-
lischen, wo die Entscheidung in liturgischen
Fragen bestimmten kirchlichen Behörden
allein obliegt. Folgt der Architekt hier
veu Gesetzen nicht, so baut er eben eine
schlechte, vielleicht sogar unbrauchbare
Kirche. ■ Seine Aendernngsvorschläge können
nicht durch den Bau in ihrer Brauch-
barkeit erwiesen werden, sondern müßten
eben jenen kirchlichen Behörden zu alleiniger
Entscheidung überlassen werden U."

Da, wie wir bereits ausführten, beim
Kircheubau auch die Idee der katholischen
Kirche als eines Gotteshauses (taber-
naculum Dei) zum Ausdruck kommen
muß, so ist damit zugleich die Forderung
einer gewissen Monumentalität und über-
ragenden, hervorstechenden Würde von
selbst gegeben. Daher ivird es notwendig
sein, die in neuerer Zeit so häufig wieder-
holte Forderung der „Anpassung au die
Umgebung" sehr cum granosalis zuwer-
stehen und den richtigen Ausgleich zwischen
beiden Anforderungen zu suchen: eine
katholische Kirche soll nicht wie ein Bauern-
haus ausschauen. Darüber später weiteres!

*1 .v. Gurtitt, n. n. O. S. 42 ff.

Die künstlerische Bewältigung des archi-
tektonischen Zwecks, die rein ästhetischen
Gesetzen folgende Formgebung nennen wir
Stil. Die große Mannigfaltigkeit der
geschichtlich ausgetretenen Stilarten läßt
erkennen, daß der jeweils herrschende Stil
Ausdruck bestimmter Entwicklungsstufen
ist. Kuhn sagt hierüber im allg. zutreffend:
„Alle einzelnen Stile haben ihre relative
geschichtliche Berechtigung wie die Zeit- und
Kulturperioden, aus welchen sie hervor-
gegangen sind; die Verurteilung des einen
oder anderen fällt auf die ganze Geistes-
richtung der betreffenden Epoche zurück.
Diese geschichtliche Unterlage ist
aber eine verschiedene und hängt von den
bewegenden, treibenden unb maßgebenden
Gedanken ab, welche in einer Zeit und
Kultur lagen, und die besonderen Stile
hervorgebracht haben .... Auch der
religiöse kirchliche Stil ist ein Produkt der
k u l t u r h i st o r i s ch e n Entwicklung. Wohl
bleibt der religiöse Glaubensinhalt, dem
die Idee des Gotteshauses entstammt,
immer und überall derselbe; aber die Ge-
schmacksrichtung und die geistige Strömung
unter den Menschen, also das, aus dem
das formelle Moment in der Kunst
hervorgeht, ist dem Wechsel unterworfen."
Von da aus erheben sich nun die Fragen:
In welchem Grade ist die sogenannte mo-
derne Bauweise geeignet, im Kircheubau
zur Verwendung zu kommen? — Dürfen
wir denn gar nicht mehr in älteren Stil-
arten bauen?

Literatur.

Michel agnio l o Buonarotti. Sein
Leben und seine Werke. Dargestellt v. K a r l
Frey. Bd. I Michelagniolos Jugeud-
jnhre. Berlin (K. Curtius) .1907. (XL.
und 345 S.) und Michelagniolo Buo-
narotti. Quellen und Forschungen zu
seiner Geschichte und Kunst dargestellt von
Karl Frey. Bd. I Michelagniolos Jugend-
jahre. Berlin (K. Curtius) 1907. (VIII
und 147 S.) — Preis geh. 20 M.
Michelangelo') — il terribile — der rätsel-
hafte, gigantische Meister der Nenaissancezeit, reizt
de» Forscher, de» Kunsthistoriker, den Künstler
stets zu neuen Versuchen, seiner unheimlichen,

') Wir behalten vorerst die übliche Schreibart
bei, da sie die herkömmliche ist. Die richtigere,
weil von Michelangelo selbst gebrauchte, dürste
j allerdings Michelagnolo sein,
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