Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 23
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leidenschaftlichen, geniale» Kraftnatur naher zu
kommen, das dämonische, spontane, rastlos vor-
wärtstreibende Wesen in ihm, die Geheimnisse
seines künstlerischen Empfindens und Strebens
zu ergründen. — Es verhält sich mit ihin ähnlich
wie mit Dante: immer wieder treten neue bisher
nicht beachtete Seiten an ihm heraus.

Seitdem Hermann Grimm den Versuch
gemacht hat, Michelangelo in dem allgemeinen
zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu betrachten,
ihn aus dem Kulturleben des Cinquecento heraus
zu verstehen und uns in seinein — man darf
wohl sagen — klassisch schönen Werk ein farben-
satles Bild jenes glanzvollen und komplizierten
Zeitalters verlegte, hat die Forschung keineswegs
geruht: — Die in ihrer Art vortreffliche Mono-
graphie von H e a t h Wilson, Harford, Symonds
und dann vor allem das ausgezeichnete Buch vou
Karl Justi (Michelangelo 1900) lieferte sozu-
sagen die psychologisch vertiefte Ergänzung zu
Grimms mehr kulturhistorisch entworfener Dar-
stellung. Justi deduzierte mit hohem Verständnis
aus einzelnen Hauptwerken Michelangelos den
Ertrag seiner gesamten künstlerischen Tätigkeit
mit reifster „historischer Auffassung und Dar-
stellungskunst". — Reueslens hat dann noch
Henry T h o d e ein großangelegtes dreibändiges
Michelangelo-Werk erscheincn lassen, in welchem
er unser Wissen und Werten Michelangelos zu-
sammensassen will. — Die kleineren Biographien
und Monographien sind gar nicht zu zählen').

Angesichts dieser hervorragenden Leistungen
konnte nur ein Mann eine neue Bearbeitung des
Lebens und der Werke Michelangelos wagen,
der aus Michelangelo ein Lebensstudium gemacht
hatte. Das trifft bei Prof. Karl Frey aller-
dings voll und ganz zu. Seine Publikationen
über die Chronologie der Sirtina, über Michel-
angelo unter Julius II., iiber die Mediceergräber,
seine archivalischen Quellenpublikationen wie die
Sammlung ausgewählter Briefe an Michelangelo,
die Sammlung ausgewählter BiographienVasaris
(II. Bd.), das von ihm besorgte Corpus von
Handzeichnungen Michelangelos und die Ueber-
setzung der Briefe des Michelangelo (1907) und
nicht zum wenigsten ein seit mehr als 25 Jahren
nnfs eingehendste und sorgfältigste angestelltes
Studium von Archivalien, die sich auf Michel-
angelo beziehen, lassen den Verfasser in ganz
besonderem Maße geeignet erscheinen, eine den
heutigen Stand unserer Kenntnis zusammen-
sasseude Monographie über Michelangelo zu
schreiben.

Frey stellt sich dabei im wesentlichen eine
doppelte Aufgabe, die man sachlich vielleicht am
prägnantesten bezeichnen könnte als eine Kom-
bination von Grimms kulturhistorischer und
Justis psychologisch ästhetischer Betrachtungs-
weise. Es ist dem Verfasser einmal darum zu
tun, „den nicht immer sichtbaren und so mannig-
fach verschlungenen Fäden nachzuspüren, die von
außen her auf den größten Meister romanischen
Kunstschaffens hinführen", d. h. mit anderen

') Eine Aufzählung der Literatur findet man
bei P a s s e r i n i, Bibliografia di Michel-
angelo. Firenze 1875, und neuestens bei Kraus
(Sauer), Gesch. d. christl. Kunst II, 2 S. 335 f.

Worten, die Einflüsse von Zeit, Nation, Auf-
traggebern, Lehrern u. a. auf den Meister fest-
zustellen. Ferner will er den Zusammenhang
michelangelesker Kunst mit der Eigenart seiner
Persönlichkeit darstellen. Michelangelos Werke
sind in Tat und Wahrheit Selbstbekenntnisse.
„Aus ihnen spricht seine Seele, zuweilen in
sanfte» Tönen, meist in leidenschaftlichem Un-
gestüm — in Furia — immer jedoch schwermütig,
ernst, erhaben." Es gilt also „die innere Ent-
wicklung des Meisters aus den Werken darzulegen,
die in seinem Dasein wie in seinen Entschließungen
tätigen Triebkräfte wenigstens zu ahnen, besonders
in den Werdeprozeß der Schöpfungen Einsicht zu
gewinnen, die zu allen Zeiten als die unüber-
troffenen und erhabensten Aeuherungen dieses
einsamen Geistes gelten".

Es ist selbstverständlich, daß alle zur Zeit be-
kannten gedruckten und ungedruckten Quellen —
literarische und künstlerische — zu Rate gezogen
sind. Es kommen vor allem hier in Betracht:
die eigenen Zeugnisse Michelangelos, der einer
der schreiblustigsten Künstler jener Zeit war:
seine Korrespondenz, seine zahlreichen Tagebücher,
Gedichte, dann die Aufzeichnungen einzelner
Familienmitglieder. Daneben endlich sind zeit-
genössische Quellen zu berücksichtigen, wie die fünf
Viten von Givvio, Antonio Billi, dem Anonymus
Magliabecchinnus, Vasari und Condivi. Die
letzteren beiden sind die wichtigsten.

In dem vorliegenden I. Band ist die Jugend-
zeit Michelangelos behandelt, wozu dann in dem
Quellenband die nötigen Belege und Tetail-
untersuchungen oft der minutiösesten Art geboten
werden. Dabei ist freilich das Schlußkapirel über
Michelangelos Jugendentwicklung (Arbeiten in
Florenz bis zum Eintritt in Julius' II. Dienste)
für den zweiten Band zurückgestellt worden, wo-
für uns allerdings die Rücksicht auf den Umfang
des I. Bandes nicht wichtig genug erscheint.

Mit wahrhaft deutscher Gründlichkeit und
einem Gelehrtenfleiß von nicht geivöhnlicher
Zähigkeit und enlsagungsreicher Ausdauer ist der
Verfasser zu Werke gegangen. Er scheut auch
vor Detailuntersuchungen nicht zurück, deren
innerer Wert in keinem Verhältnis zur aufge-
wandten Mühe steht. Die elf Kapitel, in welchen
die Jugendentwicklung Michelangelos dargestellt
ist, behandeln die Familienverhältnisse, Kindheit,
die ersten künstlerischen Versuche, die erste Ein-
schulung durch Domenico Ghirlandajo; sic zeigen
Michelangelo im Hause der Medici, beiin Studium
der medizinischen Sammlungen, im Garten von
San Marco, im Verkehr mit Florentiner
Humanisten. Durch Bertoldo oi Giovanni wird
der junge Kunstbeflissene in die Skulptur ein-
geführt: durch Pflege des Zeichnens und Model-
lierens.

Vom vierten Kapitel ab beginnen die Er-
örterungen der früheren Werke Michelangelos:
die Centanrenschlacht, Madonna an der Treppe,
Herkules, Kruzifixus von Santo Spirito. Das
6. uiid 7. Kapitel behandeln das Verhältnis zu
Piero il fiero, den Einfluß Savonarolas, deste»
Charakterbild ini ganzen richtig gezeichnet, deffen
Wirken im allgemeinen richtig gewertet wird.
Auch darin wird dem Verfasser beizustimmen
sein, daß Savonarolas Einfluß ans die Kunst
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