Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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nicht so direkt und so bedeutend war, als Bode
und Klaczko anzunehmen geneigt finb1); das 9.
bis 11. seinen ersten römischen Aufenthalt mit
den dortigen früheren Hauptwerken: Bacchus,
Pieta, Eros, Kauernder Knabe.

Schon diese kurze Inhaltsangabe läßt erkennen,
welche ins einzelne gehende Arbeit wir vor uns
haben. Es ist gewiß nicht zu beanstanden, daß der
Verfasser alle bloß rhetorische Behandlung, die
man nur allzugerne bei Darstellung großer Meister
trifft, grundsätzlich abgelehnt hat. Gleichwohl
wird mancher Leser mit dem Referenten wünschen,
es möchte das einzelne auch mehr von ästhetischen
Gesichtspunkten aus behandelt sein; man möchte
wohl auch öfters höheren Flug wünschen: aber
man muß sich freuen über die zuverlässige histo-
rische Gabe und Sachlichkeit des Verfassers. Auf
das Einzelne kann hier nicht eingegangen werden.
Doch »löge die Bemerkung gestattet sein, daß die
wiederholte Bezeichnung „Sau" Carmine für die
Kirche „bei Carmiue" (Karmeliterkirche) in Florenz
feine Berechtigung hat, und allem Anschein »ach
auf einem Mißverständnis beruht.

Waruui die düstere Symbolik der Fresken des
Kamposauto zu Pisa (S. 188) eine „dog-
matisierende" genannt wird, ist nicht verständlich:
sie eine,, moralisierende" zu nennen, bestände mehr
Recht. — Die Behauptung aber, die S. 193
übrigens ohne weiteren Beweisversuch aufgestellt
wird, Michelangelo, der zivar von Luther nichts
wissen wollte, der stets und gewissenhaft die
religiös-kirchlichen Pflichten erfüllte, sei durch die
Bibellektüre dazu geiührt worden, „über das
äußerliche Kirchentum hinaus allein in der Recht-
fertigung durch den Glauben" das Heil seiner
Seele zu suchen, gehört zu den glücklicherweise
seltenen theologischen „Kuriositäten" des Wer-
tes, die hoffentlich bei einer neuen Auflage
möglichst gründlich gestrichen werden.

Dein Werke, das auch um seines ausgezeich-
neten Druckes willen zu rühmen ist, sind 11 Ein-
schaltbilder beigegeben, die aber leiliveije besser
sein dürften, als sie sind, die Korrektur ist sorg-
fältig. S. 111 Z. 8 v. o. ist noch irrtümlich
„eine" statt „ihre" stehen geblieben. — Die
Fortsetzung des niomnnentalen Werkes erwarten
ivir mit Spannung.

Tübingen. Ludwig Baur.

Die Schedelsche Biblio 1 hek. Ein Bei-
trag zur Geschichte der Ausbreitung der
italienischen Renaissance, des deutschen
Humanismus und der medizinischen Lite-
ratur von Dr. RichardStaube r. Nach
dein Tode des Verfassers herausgegeben
von Dr. O. Harti g. Freiburg i. Br. 1908.
(XXII uiib 278). Preis 8 M.

Das Buch schlägt in die Geschichte des Bib-
liothekwesens ein. Darin liegt seine eigentliche
allgemeinere Bedeutung und fein literarischer
Wert. Mit der Kunst scheint es in keinem Zu-
sammenhang zu stehen. Und doch besieht ein

b Vgl. übrigens zu dieser Frage die Ab-
handlung von Dr. N. Steinhäuser, Savo-
narola und die Kunst, Histor.-pol. Bl. 1903, Bd. 131.

solcher. Nicht nur ganz allgemein, insofern die
Ausbreitung der künstlerischen deutschen Renais-
sance erst verstanden ist, wenn ihre literarische
Ausbreitung gekannt ist und ivenn die intimeren
unb persönlichen Verbindungen zwischen Deutsch-
land lind Italien bloßgelegt sind, sondern in
einem ganz speziellen Sinne bringt es für diesen
und jenen Punkt der deutschen Kunstgeschichte
interessante Einzelheiten. Ich will sie nur kurz
herausheben:

Für die Geschichte der D ü r e r s ch e n Kunst ist
interessant, daß Hartmann Schedel von Padua
die Kenntnis der durch Mantegnn vertretenen
Renaissance mitbrachte. „In Padua erwarb er
jenes Bruchstück ans den, griechischen Reiserage-
buch des Cyriakus von Ancona, dessen Zeich-
nungen nebst dem Text in der Atünchener.Hand-
schrift Clin. 716 erhalten sind. Einige dieser
Zeichnungen, Nämlich der schreitende Merkur und
Arion aus dem Delphin wurden Vorbilder für
D ü r e r s ch e H a n d z e i ch n ungen, deren Ori-
ginale jetzt die Ambraser Sammlung der Wiener
Hofbibliothek aufbewahrt." (Vgl. S. 51.) Auch
in einem anderen Fall fällt Licht auf eine Streit-
frage, die Dürer berührt: die vier Bücher der
Liebe des poeta laureatus Konrad Celtis (1502)
enthalten 10 Holzschnitte, die teils Dürer, teils
Wohlgemut und seiner Schule zugeschrieben
werden. Die Entwürfe zu sieben von diesen
Holzschnitten stammen nach Ausweis der Hand-
schrift Clm. -134 von Hart mann Schedel
(S. 77). Schedel selbst wurde in Nürnberg mit
Albrecht Dürer persönlich bekannt, wie auch mit
dem nachmals von Dürer genial:eit Holzschnitzer.
(S. 245.) Auch zu Hans Burgkmair, Knlmbach,
Schäuffelin scheint er in Beziehung gestanden zu
sein, so daß das Urteil nicht zu gewagt ist, daß
Hartmann Schedel eine Verbindung zwischen
Kunst und Humanismus hergestellt habe.

Noch in anderer Weise ist Hartmann Schedels
Name mit der Kunstgeschichte verflochten: Er ist
der Verfasser einer 1493 lateinisch und deutsch
erschienenen Weltchronik (Nürnberg bei Koburger),
bas erste Werk eines Deutschen, wie Wegele be-
merkt'), der zugleich von humanistischem Geiste
beseelt, sich die Darstellung der Weltgeschichte zur
Aufgabe macht. Diese Weltchronik ist mit zahl-
reichen — etwa 2000 — Holzschnitten ausge-
zeichnet. Die Herstellung der hiefür notwendigen
Stöcke beschäftigte Michael Wohlgemut, den Lehrer
Albrecht Dürers, und seinen Schwiegersohn Wil-
helm Pleydenwurff zwei volle Jahre.

T ü b i n g e n. L. Bau r.

') Wegele, Geschichte der deutschen Historio-
graphie, München 1885. S. 58.


Annoncen.


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Sw Bereits 51 Anlagen errichtet. Zeich-
nungen und Kostenanschlag bereitwilligst.
Alois Hueber, Wallerstein. Bayern.



Stuttgart, Vuchdrnckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volisbtatt".
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